Globalisierung und Weltethik

Welthandel und Globalisierung gab es schon immer. Mit dem Fall von politischen Mauern, vor allem in den 90ger-Jahren, und der Verbreitung des Internets als alltäglichem Arbeits- und Unterhaltungsmedium haben sich diese Prozesse der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verflechtungen jedoch enorm beschleunigt und intensiviert. „Menschen an entfernten Orten der Welt trennen nur wenige Mausklicks“, schreibt das Wittenberg Zentrum für Globale Ethik (WZGE).

Wer bestimmt die Spielregeln der weltweiten Arbeitsteilung?

Seit dies so ist, wird stärker als zuvor über die Ethik des Wirtschaftens debattiert und verhandelt. Das ist kein Zufall. Denn auf globalen Märkten geht es nicht nur um Waren-, Finanz- und Investitionsströme, es geht auch um die Fragen: Wer bestimmt künftig die Spielregeln der weltweiten Arbeitsteilung? Wie steht es mit dem Urheberrecht? Mit den sozialen Standards? Wie mit dem Umweltschutz? Mit einem Wort: Um ein möglichst risikofreies Umfeld zu haben, ist es für Firmen sinnvoll, ihre Unternehmensstrategie auf universellen Prinzipien und Werte aufzubauen. Damit tragen sie auch dem steigenden Bewusstsein seitens der Kunden und Investoren Rechnung, die auf Einhaltung ethischer Grundsätze jenseits nationalstaatlicher Grenzen dringen.

Neue Spieler auf der Weltbühne

Außerdem sind vor allem mit China und Indien – und weiteren Schwellenländern wie beispielsweise Brasilien – neue Spieler mit großem Gewicht auf die Weltbühne getreten. Allein China und Indien zusammen stellen immerhin mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung (China: 1,3 Milliarden, Indien: 1,2 Milliarden Menschen). Das macht die Nachbarn selbstbewusst: „China will 25 Prozent der weltweiten Standards setzen“, sagt Professor Josef Wieland vom Konstanz Institut für Wertemanagement (KIEM).

Dass über diese Fragen intensiver und auch strittiger debattiert wird, lässt sich an den folgenden Gründungsdaten ablesen: World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), 1992 gegründet; Stiftung Weltethos in Tübingen, 1995 gegründet; das Konstanz Institut für Wertemanagement (KieM), 1997 gegründet; Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WCGE), 1998 gegründet; Global Compact, Januar 1999 verabschiedet und schließlich: OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, Neufassung im Jahr 2000.  

Elementare Werte für ein friedliches Zusammenleben

Die Tübinger Stiftung geht von der Devise aus: „Menschen – ob weltweit, national oder lokal – sind für ein friedliches Zusammenleben auf gemeinsame elementare ethische Werte, Maßstäbe und Haltungen angewiesen.“ Angesichts der Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 veröffentlichte die Stiftung das Manifest „Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft“. Ihr Befund: „Die Kooperation aller Beteiligten und Betroffenen wird nur dann verlässlich gelingen, wenn das Streben aller nach Realisierung des legitimen Eigeninteresses und nach gesellschaftlicher Wohlfahrt eingebettet ist in globale ethische Rahmenbedingungen, die allgemein als gerecht und fair akzeptiert werden. Eine solche Verständigung ... existiert erst in ersten Anfängen.“

Diesen Verständigungsprozess wollen auch die Vereinten Nationen vorantreiben, die Ende der 1990er-Jahre den „Global Compact“ (United Nations Global Compact) ins Leben gerufen haben. Die „wertorientierte Plattform“ setzt sich für Menschenrechte, die Bildung von Gewerkschaften sowie die Abschaffung von Kinder- und Zwangsarbeit ein. Mehr als 5.300 Unternehmen haben sich ihr inzwischen angeschlossen. Sie müssen alljährlich die Stakeholder mit einer Fortschrittsmitteilung (Communication on Progress – COP) darüber informieren, was sie zur Umsetzung der Prinzipien des Global Compacts unternommen haben.

Mehr Moral für die Weltgesellschaft

Etwa zur gleichen Zeit entstand das Wittenberg Zentrum für Globale Ethik (WCGE) in der Lutherstadt Wittenberg. Der Leitsatz des WCGE: „Die ethischen Fragen der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts – allen voran Hunger und Armut – sind mit ökonomischer Methode anzugehen.“ Das WCGE hat im Jahr 2008 auch einen Dialog angestoßen, der zwei Jahre später zum „Leitbild für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft“ führte. 39 Unternehmensführerinnen und -führer haben bisher dieses Leitbild unterschrieben und sich damit verpflichtet, gemäß dieser Ideen zu wirtschaften.

Ethik-Kodex für die Chemie-Industrie

Die Tarifparteien der Chemieindustrie widmen sich seit jeher besonders intensiv diesen Fragen. Sie haben im August 2008 den Ethik-Kodex „Verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft“ verabschiedet und damit den „Wittenberg-Prozess“ in Gang gesetzt. Erstmals gab sich eine Branche gemeinsam formulierte ethische Grundsätze. Das Ziel: Die Sozialpartner, die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC), wollen die Sozialpartnerschaft erneuern und vertiefen.

„Verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft“

Die Leitlinien (Ethik-Kodex) der Chemie-Sozialpartner – „Verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft“ – gibt es in einer Kurzversion und in einer längeren mit Erläuterungen sowie in Englisch und Französisch.

Ethik-Kodex
Erläuterungen
Englisch
Französisch

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Ethik als Produktivfaktor

„In der wissensbasierten Gesellschaft, in der wir heute leben, ist Ethik oder ein eindeutiges Bekenntnis zu einer Wertehaltung selbst zu einem Produktivfaktor für Unternehmen geworden. Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt künftig entscheidend von der Mobilisierung der Ressource Mensch in all ihren Facetten ab.“ Professor Josef Wieland im Interview mit der CSSA. 

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