„Brücke zwischen Wachstum und Ökologie“

Chemie³-Allianz (v.l.): Michael Vassiiadis (IG BCE), Dr. Kurt Bock (VCI), Kai Beckmann (BAVC)
Humboldt-Forum: Aufmerksames Publikum

Das Ziel ist ehrgeizig und einzigartig zugleich: Der Fortschritt nachhaltiger Entwicklung soll nicht nur in seiner ökologischen und ökonomischen Dimension, sondern auch in seiner sozialen Dimension messbar werden. Dafür hat die Nachhaltigkeitsinitiative Chemie³ in einem drei Jahre währenden Dialogprozess 40 Indikatoren erarbeitet. Jetzt stellte die Allianz in Berlin die Ergebnisse vor 200 Akteuren aus Industrie, Ministerien und Umweltverbänden zur Diskussion. 

Natürlich hört es eine Branche gern, wenn Komplimente von höchster Stelle kommen. „Die Chemie ist eine Vorzeigeindustrie, sie hat das Thema Nachhaltigkeit früher als andere aufgegriffen“, sagte Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramts, auf der Abschlussveranstaltung der Initiative Chemie³ „Innovation für eine nachhaltige Entwicklung – Chemie³ im Dialog mit dem Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE)“. Vor drei Jahren rief das Chemie-Trio Verband der Chemischen Industrie (VCI), Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) die Initiative Chemie³ ins Leben. Das ehrgeizige Ziel der Allianz: Die ökomische, ökologische, soziale und somit die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit zu verknüpfen und den Fortschritt nachhaltiger Entwicklung der Branche messbar zu machen. Im November fand nun die Stakeholderveranstaltung in Berlin statt, an der rund 200 Akteure aus Industrie, Ministerien und Umweltverbänden teilnahmen. Die Podiumsdiskussionen, Keynotes und Dialogforen machten nicht nur deutlich, dass die Chemie-Branche einen großen Schritt geschafft hat, sondern größere noch vor ihr liegen: Nachhaltigkeit, so könnte ein Fazit der Tagung lauten, ist ein nicht endender Prozess. Und: Die Herausforderungen, vor denen nicht nur das Chemiebündnis in puncto Nachhaltigkeit steht, sind gewaltig.

„Einzige Branche in Deutschland"

„Die Chemie-Industrie ist die einzige Branche in der deutschen Industrie und wohl auch weltweit, die sich auf Indikatoren verständigt hat, die soziale Nachhaltigkeit abbilden“, sagte Dr. Kurt Bock, Präsident des VCI und Vorstandsvorsitzender der BASF SE. Die Indikatoren würden mehr „Transparenz und Messbarkeit auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung“ schaffen, die zwölf Leitlinien der Chemie-Industrie zur Nachhaltigkeit „greifbarer“ machen und „Treiber für eine nachhaltige Entwicklung“ sein. Von den 40 Indikatoren – wie etwa Produktsicherheit, Ressourceneffizienz, Stakeholder-Dialog, Bindung der Unternehmen an Tarifverträge, Vereinbarkeit Familie und Beruf – betreffen allein 17 die soziale Nachhaltigkeit, wie Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE hervorhob. „Mit den 17 sozialen Indikatoren machen wir die geordneten, sozialen Verhältnisse in Deutschland sichtbar, wie zum Beispiel ausreichend Ausbildungs- und Beschäftigungsperspektiven junger Menschen.“ Deutschland sei „sehr weit mit der ökologischen Modernisierung“. Der IG BCE-Vorsitzende wertete es als „ein wichtiges Signal über unsere Branche hinaus, dass sich Wirtschaft, Arbeitgeber und Gewerkschaft in dieser Eindeutigkeit bekennen“.

Auch Kai Beckmann, stellvertretender Vorsitzender des BAVC, unterstrich die Bedeutung sozialer Nachhaltigkeit in der chemischen Industrie: „Unser Indikator zur tariflichen Altersversorgung zeigt, dass aktuell bereits über 80 Prozent der Chemie-Beschäftigten tariflich fürs Alter vorsorgen.“ Verglichen mit der Gesamtwirtschaft (60 Prozent) sei das gut, „aber wir wollen noch besser werden“, sagte Beckmann.

Dr. Kurt Bock, Präsident des VCI

„Es ist unser Anliegen, Transparenz bei den Fortschritten unserer Branche auf dem Weg einer nachhaltigen Entwicklung herzustellen. Wir erfüllen damit einen Anspruch an uns selbst und auch eine berechtigte Forderung, die Stakeholder an Chemie3 stellen. Gleichzeitig wollen wir die 40 Indikatoren auch als Treiber nutzen. Sie werden zeigen, wo die Branche bereits gut ist und wo sie besser werden kann.“

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE

„Mit den 17 Indikatoren betonen wir die soziale Dimension in der Nachhaltigkeitsdebatte. Wir wissen, dass man ökonomischen, sozialen und ökologischen Fortschritt nicht gegeneinander, sondern nur zusammen erreichen kann. Wer das immer noch nicht verstanden hat, sollte nach Amerika schauen. Wir machen Chemie3, weil wir keinen Trump-Effekt haben wollen.“

Kai Beckmann, stellv. Vorsitzender des BAVC

„Unser Indikator zur tariflichen Altersversorgung zeigt, dass aktuell bereits über 80 Prozent der Chemie-Beschäftigten tariflich fürs Alter vorsorgen. In der Gesamtwirtschaft liegt der Vergleichswert bei lediglich 60 Prozent. Wir sind gut, aber wir wollen noch besser werden. Unsere neuen Indikatoren werden zeigen, ob das gelingt.“

Wie groß diese Aufgabe ist, verdeutlicht eine einzige Zahl: Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung auf etwa 9,7 Milliarden Menschen anwachsen (derzeit 7,4 Mrd.), erwarten die Vereinten Nationen. Das heißt: mehr Autos, TV-Geräte, Häuser, Kleidung, mehr Land für Nahrungsmittel. „Wenn sich nichts ändert, sprengt es die natürlichen Grundlagen des Planeten“, sagte Altmaier. Konsumverzicht ist für ihn gleichwohl keine Lösung, „weil unsere Volkswirtschaften auf Wachstum programmiert sind“.

„Globale Perspektive im Auge behalten“

Für den Kanzleramtschef schlägt Nachhaltigkeit daher „die Brücke zwischen Wachstum und ökologischer Tragfähigkeit“. Die Bundesregierung werde bis zum Ende dieses Jahres ihre neue Nachhaltigkeitsstrategie vorlegen. Die Debatte könne jedoch nicht von Beamten geführt werden, sondern von den Unternehmen selbst. Dr. Achim Halpaap, beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) für Chemie und Abfall zuständig, appellierte per Videobotschaft an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Chemie3-Tagung, die „globale Perspektive im Auge zu behalten“.

Ebenso forderte Professor Günter Bachmann, Generalsekretär des Rats für nachhaltige Entwicklung (RNE), die Chemieindustrie auf, den Dialog Chemie3 auch international zu platzieren. Denn, so Alexander Müller vom RNE, die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDG) sind bislang von „keinem „Land erfüllt worden“. Und: „Keines wird diese Ziele für sich allein erreichen“, zeigte er sich überzeugt. Dies gelinge nur in Zusammenarbeit.

„Genug für alle und für immer“

Keine Frage, dass Chemieprodukte entscheidend zu einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen, sei es die Entwicklung und Produktion von Batterien und damit der E-Mobilität, Windanlagen oder Dünger für die Landwirtschaft. Kai-Uwe Hemmerich, Betriebsratsvorsitzender der Clariant Produkte GmbH in Frankfurt-Höchst, betonte, dass die „Chemie einen riesigen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten kann“. Was Nachhaltigkeit ist, erklärte er seinen Kolleginnen und Kollegen auf sehr anschauliche Weise: „Genug für alle und für immer.“ Professor Stefan Buchholz, Managing Director der Evonik Creavis GmbH, richtete dagegen den Blick auf „soziale Innovationen“, die vielfach einen größeren Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten können, als technische. Er stellte auch die Frage, was es für die Umwelt bedeutet, dass in Deutschland heute fast „jeder vierte Neuwagen ein SUV ist“. Die sogenannten Geländewagen haben im Mittel 166 PS und pusten überdurchschnittlich viel des Klimagases CO2 aus (151 Gramm/km).

„Soziale Innovationen leisten oft größere Beiträge zur Nachhaltigkeit“

Auch Professor Andreas Suchanek, der den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Handelshochschule Leipzig hat, betonte, dass man über alle Innovationen die Menschen nicht vergessen dürfte. Natürlich sei heute und mehr noch morgen lebenslanges Lernen angesagt, „aber viele fühlen sich davon überfordert“, sagte Suchanek. Jede „Innovationskultur braucht eine Kontinuitätskultur“, zitierte er den vor einem Jahr gestorbenen Philosophen Odo Marquart (1928-2015).

Forum 1 „Nachhaltige Entwicklung messbar machen“

Während der Tagung fanden mehrere Dialogforen mit jeweils 30 bis 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Sie thematisierten verschiedene Aspekte von Nachhaltigkeit.

Warum das Messen nachhaltiger Entwicklungen nicht so einfach ist, wie es scheint, erklärte Xaver Schmidt, bei der IG BCE Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit, Abteilung Energiewende/Nachhaltigkeit: Der Zugang von Daten habe ein Problem dargestellt. Bei manchen Indikatoren gebe es noch kein Reporting und die Daten müssten erst noch erhoben werden. Dr. Andreas Ogrinz, Geschäftsführer Bildung, Innovation, Nachhaltigkeit beim BAVC, zeigte, dass die Initiative schon bald brauchbare Ergebnisse liefern kann. So würden die Indikatoren im nächsten Jahr das erste Mal für das Jahr 2016 erhoben, so dass die Allianzpartner in 2017 bzw. 2018 berichten können, wo die Chemie-Branche steht. Und Dr. Eckhard Koch, Senior Advisor Chemie³ beim VCI, ergänzte, dass den Unternehmen Unterstützung geboten werde, etwa mit guten Beispielen, wie andere Betriebe die Nachhaltigkeitsmessung bewerkstelligen.

Nachhaltigkeit kostet nicht nur, sondern bringt auch Geld

Auch wenn sich die Allianzpartner auf dem richtigen Weg sehen, kann vieles noch optimiert werden. Zum Beispiel die Übersetzung für andere Branchen oder, KMU davon zu überzeugen, dass Nachhaltigkeit nicht nur Geld kostet, sondern auch Geld bringt, weil es die Wettbewerbsposition verbessern kann. Dafür muss das Chemie³-Bündnis noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn bislang entscheiden die Unternehmen selbst, Daten für die Fortschrittsindikatoren zu erheben. Das Wichtigste sei den Allianzpartnern allerdings, den Geist zu vermitteln, stets alle drei Dimensionen gleichrangig mitzudenken – auch für die deutsche Nachhaltigkeitsdebatte.

Forum 2 „Politik für eine nachhaltige Industrie“

Dass die globalen und nationalen Nachhaltigkeitsziele durch „eine Strategie der Effizienzsteigerung“ und darauf aufbauendes (inkrementelles) Vorgehen erreichen ließen, bezweifelte Dr. Inge Paulini, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (WBGU). Sie mahnte die Notwendigkeit eines Strukturwandels in der Nachhaltigkeitspolitik und warb um die Etablierung von Experimentierfeldern. Professorin Lamia Messari-Becker vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) sprach sich für eine „starke Nachhaltigkeit“ aus. Die Lehrstuhlinhaberin für Gebäudetechnologie und Bauphysik plädierte unter anderem dafür, systematisch Produkte mit langer Lebensdauer und Alternativen zum bisherigen Dämmstoff Styropor zu entwickeln.

Für eine starke Nachhaltigkeit

Dr. Klaus-Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des BAVC, gab allerdings zu bedenken, dass für langfristige Entscheidungen Investitionssicherheit und ein Konsens über Rahmenbedingungen der Investitionen erforderlich seien. Diese Kontinuität kann die Politik nicht durchgängig garantieren, wie Karl-Uwe Bütof, Ministerialdirigent im Wirtschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen sagt. Gründe: Wahlen in Demokratien sorgten für einen Regierungswechsel, auch zeige sich die Vielfalt in der Gesellschaft in mehr Parteien, die im Parlament vertreten seien.

Forum 4 „Produktinnovationen für eine nachhaltige Entwicklung“

Bei LED-Lampen leuchtet es unmittelbar ein, dass die Leistung von Produkten für eine nachhaltige Entwicklung entscheidend ist. Dass jedoch moderne Waschmittel ebenfalls viel Energie einsparen können, betonte Dr. Arndt Scheidgen vom Waschmittelhersteller Henkel in Düsseldorf. Moderne Waschmittel leisten 40 Prozent mehr bei einer deutlich geringeren Menge an Waschpulver und bei niedrigen Temperaturen als frühere Produkte. 70 Prozent der Energie beim Waschen werde beim Aufheizen der Maschine verbraucht, sagte Scheidgen, was vielen Verbrauchern offenbar nicht einleuchte. Der Verbraucher sei eine schwierig zu beeinflussende Größe.

Technische Innovationen reichen nicht aus

Technische Innovationen allein bringen es daher nicht. Dies versuchte auch Dr. Ingolf Dietrich, zuständig beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit für die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen, anhand der Nahrungsmittelproduktion zu verdeutlichen. Natürlich steigern Dünger und Insektizide oder Fungizide die Erträge der Landwirte, aber viel mehr wäre zu erreichen, wenn es gelänge, die Nahrungsmittelverluste (durch Wegwerfen und falscher Lagerung) von aktuell 40 auf 20 Prozent zu senken. Das wäre ein wahnsinniger Hebel um CO2 zu vermindern, so Dietrich. Er rief dem Forum in Erinnerung, dass die ganze Diskussion über Nachhaltigkeit sehr auf Deutschland bezogen sei. Den ökologischen Fußabdruck jedoch hinterließen wir auch außerhalb der Grenzen.

Bildergalerie

Nachhaltig diskutieren
Nachhaltigkeitsquartett
Allianz: Michael Vassiliadis, Kurt Bock, Kai Beckmann
Publikum
Forum
Kanzleramtschef Peter Altmaier
Lutz Bachmann, RNE
Podiumsdiskussion
Videobotschaft
Podiumsdiskussion 2
Dialogforum 2
Peter Altmaier
Kai Beckmann, BAVC
Nachhaltigkeitstrio (Alle Fotos: CWFG/Nürnberger)
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