Gesundheit im Unternehmen muss nicht teuer sein

Betriebssport, gesundes Essen, ärztliche Untersuchungen: Chemie-Unternehmen tun viel für die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und sie investieren viel Geld. Dass diese Investition auch den gewünschten Effekt bringt, ist nicht garantiert. Der Gesundheitsmarkt funktioniert schließlich nicht wie der Automarkt: Ein Auto wird gebaut und die Leute kaufen es. Bietet ein Unternehmen Gesundheitsmaßnahmen an, heißt das noch nicht, dass alle Beschäftigten diese auch automatisch nutzen.

Wie können also Unternehmen Gesundheitsförderung wirksam gestalten? Ein Ansatz: das Modell der Salutogenese. Es geht der Frage nach, was Menschen gesund erhält. Dr. Renate Petersen betreut als Betriebsärztin mittelständische Unternehmen in der Chemiebranche. Manche Beschäftigte befürchten, die Anforderungen der neuen Arbeitswelt nicht erfüllen zu können. „Führungsaufgabe ist es hier, dem Mitarbeiter die Veränderungen verständlich, machbar und sinnhaft darzustellen“, sagt Petersen (siehe Interview „Arbeit sollte verständlich, machbar und sinnvoll sein"). Gebe es weiterhin Schwierigkeiten, können Weiterbildung, Coaching oder ein Arbeitsplatzwechsel helfen.

Prävention wird noch vernachlässigt

Im Unterschied zum pathogenetischen Modell geht es hier stärker um Prävention, also um Gesundheitsvorsorge. Von den meisten Menschen, in den Betrieben und vom deutschen Gesundheitssystem werde sie jedoch eher vernachlässigt. Das sagt zumindest Eckehard Linnemann, Abteilung Sozialpolitik bei der IG BCE (siehe Interview „Gewerkschaften müssen stärker angesprochen werden"). Deshalb begrüßt er das neue Präventionsprogramm der deutschen Rentenversicherung: Betsi – Beschäftigungsfähigkeit teilhabeorientiert sichern. Das Besondere daran: Betsi spricht alle Arbeitnehmergruppen an und geht über den medizinischen Ansatz der Rehabilitation hinaus. Linnemann: „Reha richtet sich an Kranke, die gesund werden wollen. Betsi wendet sich auch an Gesunde, die gesund bleiben wollen und dabei Unterstützung brauchen."

In kleinen Schritten zum Erfolg

Wie werden nun aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am besten erreicht? Kurz gesagt: Appelle allein bringen nichts. Das belegen Beispiele aus der Projekterfahrung der CSSA. Effizienter sind kleine praktische Schritte, mit möglichst niedrigen Hürden. Die Betreibergesellschaft des Industrie Centers Obernburg, Mainsite, stellte einen Wasserspender in die Ausbildungswerkstatt. Seitdem trinken die mehr als 100 Azubis seltener zuckerhaltige Erfrischungsgetränke aus dem Automaten. Und bei Werner & Mertz in Mainz turnen sogar die Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter – weil die Trainer an den Arbeitsplatz kommen. So gibt es keine lästigen Wege und kein Umziehen. Hohe Krankenstände und Fehlzeiten, besonders bei den Schichtmitarbeitern, brachten die Sozialpartner der Chemischen Fabrik Budenheim dazu, eine Betriebsvereinbarung zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (kurz: BEM) zu vereinbaren. Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg: Die Vertrauenskultur und eine gut funktionierende Sozialpartnerschaft.

Zusammenarbeit im regionalen Netzwerk

Auch die Chemie-Sozialpartner haben dafür die Vorarbeit geleistet. Sie haben 2008 einen Demografie-Tarifvertrag abgeschlossen (Reduzierung der Arbeitszeit im Alter, Vermittlung von Kompetenzen zum angemessenen Umgang mit Belastungssituationen) und ein Branchenleitbild für ein erfolgreiches betriebliches Gesundheitsmanagement entwickelt. Die höchste Effektivität von Gesundheitsförderung gelingt jedoch im Netzwerk. Ein gutes Beispiel: das regionale Netzwerk „Ganz. Sicher. Gesund. – Voneinander wissen, miteinander handeln, Gesundheit managen“ in Rheinland-Pfalz. Der Vorteil für die Unternehmen: Sie haben einen zentralen Ansprechpartner. Überdies werden im Netzwerk die Dienstleistungen von Gewerkschaft, Arbeitgeberverband, Berufsgenossenschaft, Rentenversicherung und Krankenkasse am besten zusammengeführt. Auf diese Weise profitieren alle Akteure vom Wissen der anderen.

Info: Projekt Betsi

Betsi (Beschäftigungsfähigkeit teilhabeorientiert sichern) ist ein Präventionsprogramm der Deutschen Rentenversicherung. Anlass sind die seit 20 Jahren steigenden Zahlen der Erwerbsminderungsrenten - insbesondere wegen psychischer Erkrankungen. Außerdem alarmierte den Gesetzgeber und die Rentenversicherung das Durchschnittsalter dieser Antragssteller von 47 Jahren. Sie entwickelten Angebote für Menschen, bei denen sich abzeichnet, dass sie in Kürze ausfallen. Das Ziel: lange Krankheitszeiten und frühes Ausscheiden aus dem Erwerbsleben vermeiden. Betsi findet berufsbegleitend statt und spricht alle Berufstätigen an, die durch gesundheitliche Beschwerden Probleme am Arbeitsplatz haben. Sei es durch Rückenschmerzen, Diabetes oder ungünstige Arbeitsbedingungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, wie sie ihre Gesundheit fördern und das Erlernte langfristig im Privat- und Berufsleben umsetzen können.

Mehr über Betsi im Interview mit Eckehard Linnemann und bei der Deutschen Rentenversicherung: www.bit.ly/Programm-Betsi.

Gewerkschaften müssen stärker angesprochen werden

Eckehard Linnemann ist Leiter der Abteilung Sozialpolitik bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Seit 1978 ist der Sozialwissenschaftler hier in verschiedenen Positionen beschäftigt. Im Gespräch erklärt er die Hintergründe und Erfolge des Präventionsprogramms Betsi und wie kleine und mittlere Unternehmen noch besser erreicht werden können: zum Interview.

 

 

Arbeit sollte verständlich, machbar und sinnvoll sein

Dr. med. Renate Petersen studierte Humanmedizin in München und Erlangen und absolvierte die Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin in Stuttgart. Seitdem ist sie ausschließlich als Betriebsärztin freiberuflich tätig. Sie betreut mittelständische Unternehmen in Branchen wie Chemie, Handel und öffentlicher Dienst/Verwaltung. Mit der CSSA sprach sie über Salutogenese in Unternehmen und Sinn der Arbeit: zum Interview.

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