Viele Angestellte wünschen sich flexible Arbeitszeiten

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Fast die Hälfte der Deutschen möchte ihre Wochenarbeitsstunden reduzieren. Nur etwa ein Drittel hat Einfluss darauf, wann sie den Arbeitstag beginnen und beenden. Wer diese Freiheit hat, fühlt sich gesünder und ist zufriedener.

Das hat der 2017 erschienene Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ergeben, bei dem 20.000 Beschäftigte befragt wurden. Die Prioritäten vieler Fachkräfte haben sich verschoben: „Zeit wird neben Geld zu einem immer wichtigeren Teil der Entlohnung“, sagt Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability der Hochschule Ludwigshafen. Der Wunsch nach mehr freier Zeit zieht sich durch alle Altersgruppen. Die junge Generation qualifizierter Berufseinsteiger fordert dies sehr selbstbewusst. Unternehmen, die sie als Fachkräfte gewinnen wollen, sollten darauf eingehen. „Solche Angebote prominenter in Stellenanzeigen und auf der Firmenwebsite zu platzieren, ist ein echter Wettbewerbsvorteil“, sagt Dirk Werner vom IW Köln (siehe Interview „Kompetenz nicht an Abschlüssen festmachen").

Wie lassen sich diese Wünsche realisieren? Dafür ist das Potsdamer Modell der ostdeutschen Chemiebranche wegweisend. Es ermöglicht eine individuelle Arbeitszeitgestaltung zwischen 32 und 40 Wochenstunden. Seit dem 1. Januar 2018 ist der Manteltarifvertrag für die Betriebe in Kraft. Wie er umgesetzt wird – und ob er auch für die Produktioner und Schichtarbeiter geeignet ist –, wird sich im Laufe des Jahres zeigen. Anregungen dafür lassen sich beispielsweise beim Maschinenbauer Trumpf in Ditzingen holen. Dort können die Beschäftigten alle zwei Jahre neu entscheiden, wie viel sie arbeiten wollen. Zwischen 15 und 40 Stunden ist alles möglich. Bemerkenswert: Zwei Drittel entschieden sich zum Jahresanfang, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Gut 40 Prozent arbeiten nun sogar mehr als 35 Stunden in der Woche.

Zeitwünsche abhängig von Lebenssituation

In Frankfurt-Höchst arbeitet das Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis an der Gestaltung der Home-Offices. Individuelle Flexibilität hat unbestrittene Vorteile, aber das Unternehmen setzt sich auch mit den Umsetzungsschwierigkeiten auseinander. So denkt die Betriebsratsvorsitzende Beate Bockelt darüber nach, wie Mitarbeiter Zufriedenheit mit ihrem Arbeitstag erreichen können, wenn sie nicht im Unternehmen vor Ort sind und der soziale Kontakt mit den Kollegen fehlt: „Führungskräfte und Beschäftigte, die dazu neigen immer noch mehr zu machen, müssen Prioritäten setzen und eine innere Selbstabgrenzung finden.“

Allerdings ist mobiles Arbeiten längst nicht überall gern gesehen. Gerade in kleineren Chemieunternehmen wollen die Chefs ihr Team lieber vor Ort sitzen haben. Andererseits gibt es auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die eine feste Struktur schätzen, weil sie ihnen Sicherheit und Planbarkeit gibt. Schlussendlich: Wie viel ein Mitarbeiter arbeiten möchte, hängt immer von der aktuellen persönlichen Lebenssituation ab. Eine ausgeglichene Zeitsouveränität, mit der die Mitarbeiter und das Unternehmen zufrieden sind, kann nur funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen.
Mit flexiblen Arbeitszeiten, Home-Offices und Teilzeitarbeit sind die Instrumente vorhanden, damit die Beschäftigten ihre Zeitwünsche realisieren können. Mit ihnen kommen sie der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie einen Schritt näher. Außerdem tut sich ein Raum für die Weiterbildung auf. Der Erfolg hängt – wie immer – von der Alltagstauglichkeit der Umsetzung ab.

Der Arbeitszeitreport Deutschland

Die Analysen aus dem aktuellen Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigen, dass höhere zeitliche Handlungsspielräume bei der Arbeit mit besserer Gesundheit und Zufriedenheit einhergehen. Über zwei Drittel der Beschäftigten, die viel Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsanfangs- und -endzeiten haben, schätzen ihren Gesundheitszustand als gut bis sehr gut ein, während dies nur auf 58 Prozent der Beschäftigten mit geringen Einflussmöglichkeiten zutrifft. Darüber hinaus sind Beschäftigte mit hohen Einflussmöglichkeiten auch deutlich zufriedener mit ihrer Arbeit und berichten seltener gesundheitliche Beschwerden: Rücken- und Kreuzschmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch Schlafstörungen kommen bei ihnen weniger vor. 

Alle Ergebnisse aus dem Bericht finden Sie hier: http://bit.ly/Arbeitszeitreport-2016

Kompetenz nicht an Abschlüssen festmachen

Dirk Werner leitet das Kompetenzfeld Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören: Zuwanderung, Berufliche Bildung und Fachkräfte. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik an der Universität zu Köln und arbeitet seit 1996 im IW. Mit der CSSA sprach er über Quereinsteiger und informelles Lernen:
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