Gewerkschaften müssen stärker angesprochen werden

Eckehard Linnemann ist Leiter der Abteilung Sozialpolitik bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Im Rahmen seiner Gewerkschaftsarbeit übt er folgende Funktionen aus: So ist er beispielsweise Mitglied im Vorstand der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, Mitglied im Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes, Mitglied im Sozialpolitischen Ausschuss des DGB, alternierender Vorsitzender der Mitgliederversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Mitglied im Sozialbeirat der Bundesregierung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie Mitglied des Aufsichtsrates von Boehringer Ingelheim.

Herr Linnemann, „Betsi – Beschäftigungsfähigkeit teilhabeorientiert sichern“ ist das neue Präventionsprogramm der Deutschen Rentenversicherung Bund, Baden-Württemberg und Westfalen. Wie kam es dazu?
Dazu muss ich etwas ausholen und den rechtlichen Rahmen erläutern. Anlass waren die seit 15 bis 20 Jahren steigenden Zahlen der Erwerbsminderungsrenten. Vor allem die Erwerbsminderungen aufgrund von psychischen Erkrankungen nehmen hier zu. Das Durchschnittsalter dieser Antragssteller von 47 Jahren bedeutet einen besonderen Problemdruck. Bisher waren die Rentenversicherer nur für die Rehabilitation und für die Wiedereingliederung nach Krankheit zuständig. Verfolgt man das Ziel lebenslanger Beschäftigung, gilt es, die Zahl der Erwerbsminderungsrenten zu senken. Am effektivsten sind Eingriffe, noch bevor jemand krank wird. Ab 2009 hat der Gesetzgeber die Rentenversicherungen in die Lage versetzt, Beschäftigten, deren Gesundheit bedroht ist, ohne dass sie bereits krank sind, Angebote unterbreiten, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Es geht also um Prävention. Damit es nicht zu solchen Fällen des frühzeitigen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben kommt, haben die Rentenversicherungen Bund, Baden-Württemberg und Westfalen Modellprojekte initiiert – Betsi ist entstanden. Von 2009 bis 2012 wurden die Modellprojekte ausgewertet und seit 2013 wird Betsi bundesweit auf Basis gemeinsam entwickelter Standards von allen Trägern der Rentenversicherung angeboten.

Was ist die Zielsetzung von Betsi?
Betsi ist in diesem Zusammenhang das erste konkrete Projekt, das in die Praxis umgesetzt wurde. Das Ziel: Frühzeitig Menschen mit Unterstützungsbedarf erkennen und gegensteuern. Betsi soll auf Dauer lange Krankheitszeiten und ein frühes Ausscheiden aus dem Erwerbsleben vermeiden.

Große Unternehmen nutzen es bereits aktiv

Präventionsprogramme gibt es viele – zum Beispiel von den Krankenkassen. Was ist das Neue an Betsi?
Bei Betsi geht es nicht darum, was jemand akut an Krankheiten hat. Sondern: Wie kann die Gesundheit durch Ernährung, Bewegung und Methoden der Stressbewältigung erhalten und stabilisiert werden? Und wie kann man dabei unterstützen? Durch Weiterentwicklung der rein medizinischen Rehabilitation zur medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation werden selbst chronisch kranke Menschen wieder in die Arbeit eingegliedert. Es wird gefragt: Welche Arbeiten kann er noch ausführen? So gesehen ist Betsi ein Baustein in einem System aus Prävention, Reha und Wiedereingliederung.

Wie wird Betsi im Betrieb umgesetzt?
Pro Monat gibt es etwa 5.000 Anfragen beim Firmenservice der Rentenversicherer. Von Unternehmen sowie von Betriebsräten. Viele Betriebe haben Fragen zur Gesundheit der Beschäftigten, so auch zu Betsi. Besonders die Großbetriebe nutzen es bereits aktiv. Betsi findet berufsbegleitend und in der Gruppe statt. Zunächst findet in der sogenannten Initialphase das Kennenlernen der Gruppe und die ärztliche Untersuchung im Reha-Zentrum statt. Es gibt Schulungen zu Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung und der Therapieplan wird aufgestellt. Danach beginnt die zwölfwöchige Trainingsphase, in der gesundheitsfördernde Techniken und Übungen erlernt werden. Anschließend setzen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Erlernte in ihrem Alltag selbst um. Viele Betriebe sind sogar bereit, dafür Arbeitszeit zur Verfügung zu stellen. Zum Schluss wird das Ganze in der Nachsorgephase noch einmal aufgefrischt und gefestigt. Die Beschäftigten sollen ja eine eigene Gesundheitskompetenz aufbauen und ihr Wissen langfristig in Beruf und Alltag aufnehmen.

Betriebsärztliche Untersuchungen früher ansetzen

Sind schon erste Erfolge zu verzeichnen?
Natürlich gibt es einige, die während des Programms rausfallen. Aber durch die motivierende Gruppendynamik sind die meisten erfolgreich und können weiterhin berufstätig sein. Dennoch ist das Durchschnittsalter der Teilnehmer zu hoch. Wir müssten noch früher ansetzen, eben bevor die Menschen erkranken. Betsi schaut auch danach, woran es liegen könnte, dass jemand gesundheitliche Beschwerden und dadurch Probleme am Arbeitsplatz hat. Die drei Klassiker sind: Bewegung, Ernährung, Sucht. Bereits ab Ende 30 treten erste gesundheitliche Probleme auf. Deshalb ist es meist zu spät, erst ab Mitte 40 Screenings zu machen. Hier ist der Betriebsarzt stärker gefordert, die Untersuchungen früher anzusetzen und die Werte regelmäßig zu überprüfen. Er sollte auch auf die Angebote der Krankenkassen und Rentenversicherungen hinweisen und mit diesen zusammenarbeiten. Das kommt bislang leider noch zu kurz.

Wie sieht es mit der Prävention in den Unternehmen aus? Wird sie noch immer eher vernachlässigt?
Firmen unterscheiden nicht zwischen Betrieblichem Eingliederungsmanagement und Prävention. Sie wollen gesunde Mitarbeiter haben, sind am Ergebnis interessiert. Die großen Unternehmen haben mittlerweile erkannt, wie wichtig Prävention ist. Gerade die Pharmabranche weiß angesichts des Fachkräftemangels, dass hier mehr getan werden muss. Sie machen sich Gedanken darüber, wie ihre Beschäftigten lange fit bleiben. Das ist ein langer Prozess, ein Umbruch. Die kleineren und mittleren Unternehmen glauben oft, dass es bei ihnen nicht möglich ist. Aber es gibt rechtlich nun bessere Voraussetzungen – auch durch das Teilhabegesetz und das Flexi-Rentengesetz – was auch den kleineren zugutekommt.

Wie können die kleinen und mittleren Unternehmen noch besser erreicht werden?
Es gibt den Firmenservice, ein neues Beratungsangebot der Rentenversicherungsträger. Die Rentenversicherungen gehen auf die Betriebe zu, beraten sie vor Ort. Aber es ist noch mehr Aufklärungsarbeit notwendig. Die Arbeitgeberseite wird zwar über die Berufsgenossenschaften erreicht. Allerdings müssten die Gewerkschaften noch stärker angesprochen werden. Hier braucht es eine breitere Kommunikationsstrategie. Die Berater müssen sich mehr in die Lage der Betriebsräte hineinversetzen und überlegen, wie sie deren Aufmerksamkeit erlangen können. Etwa mit einer Infoseite, auf der kurz und verständlich steht, was Betsi leistet und warum es sinnvoll ist. In der Chemie-Industrie sind 3,5 bis 4 Prozent normale Werte für den Krankenstand in einem Unternehmen. Alles, was darüber ist, ist auffällig und sollte zum Handeln alarmieren.

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