Unternehmen gehen unterschiedliche Wege

Für die einen ist sie ein „Selbstläufer“, anderen mangelt es an Geld. Die einen sind aufgeschlossen für Neues, die anderen eher unsicher: Die Weiterbildung der Zukunft bewegt sich in Chemie-Unternehmen zwischen Extremen. Dieses Bild zeichnet sich aus Gesprächen der CSSA mit Betriebsräten, Fach- und Führungskräften sowie Geschäftsführern zum Thema Arbeit 4.0 ab.

Welche Kompetenzen brauchen die Chemiebeschäftigten für Arbeit 4.0? „Fachwissen wird in Zukunft weniger wichtig werden. Stattdessen sind Problemlösefähigkeiten gefragt“, sagt Dr. Matthias Braun, Geschäftsführer bei Sanofi Aventis in Frankfurt-Höchst. Es brauche mehr Mitarbeiter, die Prozesse überwachen, Daten interpretieren und daraus die richtigen Entscheidungen ableiten. Schon heute übernehmen viele Mechaniker die Aufgaben eines Mechatronikers. Für Michael Fletterich, Betriebsratsvorsitzender bei Merck in Darmstadt, sind „tendenziell Projekt- und Prozesskompetenzen notwendig“ – auch der Betriebsrat mache mehr Projektarbeit. Zudem steige der Anteil der Höherqualifizierten, was Facharbeiter jedoch nicht überflüssig macht, wie die Bildungsforscherin Rita Meyer betont (siehe Interview „Wir brauchen kein neues Konzept von Berufsbildung").

Big Data und Datenschutz sind Mindestanforderungen

Wie sich die Industrie 4.0 auf die Qualifizierung im Maschinen- und Anlagenbau auswirkt, hat Prof. Dr. Sabine Pfeiffer von der Universität Hohenheim in einer Befragung von mehr als 700 Beschäftigten untersucht. Die Befragten halten technische Qualifikationen, etwa wie man Smartphones und Tablets, Robotik oder Wearables bedient, für eher unproblematisch oder derzeit nicht bedeutsam. Neu ist dabei die Anforderung an Medienkompetenz: So werden heute Fotos von Fehlermeldungen der Maschine geschossen und dokumentiert, wo früher mit dem Bleistift ein Kreuz gemalt wurde. Das setzt eine gewisse Eigenverantwortung und Sorgfalt voraus. Je mehr im Zuge von Industrie 4.0 vernetzt wird, desto mehr Daten sind zu generieren und desto mehr Schnittstellen und Zugriffsmöglichkeiten gibt es. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet das, sie müssen sicherheitsbewusst mit den persönlichen, den unternehmensinternen und den kundenseitigen Daten umgehen können. Außerdem müssen sie die Daten auswerten und die Informationen korrekt und sinnvoll deuten können, sie für Zulieferer und Kunden aufbereiten, je nachdem, was für wen relevant ist. Industrie 4.0 bedeutet auch eine zunehmend vernetzte Arbeits- und Unternehmenswelt.

Beschäftigte müssen mitgenommen werden

Dies erfordert noch stärker als bisher die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen und Hierarchieebenen. Das heißt aber nicht nur ab und an ein paar gemeinsame Meetings, sondern ein gegenseitiges Verständnis und „über den Tellerrand schauen“. Damit das funktioniert, müssen Beschäftigte motiviert werden und ihr Fachwissen auch einbringen können, wie die CSSA anhand der Praxisbeispiele von Infraserv Logistics und der Chemischen Fabrik Budenheim (siehe Sondernews 2017 „Innovative Praxis“) gezeigt hat.
Eine andere Frage für die Unternehmen ist, wie sie künftig Weiterbildung und Lernen organisieren können. Die Gespräche mit der CSSA verdeutlichen, dass auch hier die Schere weit auseinander geht. So lernen etwa die Beschäftigten im Bergheimer Martinswerk viel von älteren Kollegen und, wo dies möglich ist, mittels „Learning by doing“. Während E-Learning hier noch am Anfang steht, nutzt die Technoform Glass Insulation GmbH bei Kassel dieses Tool bereits vermehrt. Ebenso Lernvideos, um ihre Beschäftigten auf dem neuesten Stand zu halten.

Wandern als innovatives Ausbildungskonzept

Dass auch traditionelle Ausbildungswege eine gute Vorbereitung für die digitale Arbeitswelt sein können, beweist die Wittenstein SE: Nach altem Handwerksbrauch schickt der Mechatronikkonzern seine Nachwuchskräfte für drei Monate auf Reisen. „Pioniere auf der Walz“ heißt das im Jahr 2011 gestartete Projekt. Dr. Manfred Wittenstein, Vorsitzender des Aufsichtsrats, ist überzeugt: „Die persönlichen Erfahrungen und der offene Blick unserer Pioniere auf die Welt werden ihnen selbst am meisten nützen, ihrem Berufsalltag und damit auch unserem Unternehmen.“ Nach abgeschlossener Ausbildung oder absolviertem Studium haben sie die Möglichkeit, fremde Länder und Leute, deren Werte und Arbeitskultur – aber vor allem sich selbst – kennenzulernen. Mit Urlaub ist das keineswegs zu vergleichen. Denn die jungen Menschen stellen sich selbst eine Aufgabe, die sie eigenständig im Land ihrer Wahl meistern. Die Fragestellungen nützen auch dem global tätigen Unternehmen. Etwa: Lokalisierungsstrategien europäischer Unternehmen in China. Oder: der Einfluss von Kultur und Religion auf Werbung und Kommunikation im Oman. Seit Projektbeginn sind rund 50 Nachwuchskräfte auf die Walz gegangen – was auch das Interesse der Öffentlichkeit  geweckt hat: 2013 wurde die Wittenstein SE mit dem HR Excellence Award für eine außergewöhnlich kreative, mutige und innovative „Learning- und Development-Strategie“ ausgezeichnet.

Mehr über das Projekt: www.wittenstein.de

Wir brauchen kein neues Konzept von Berufsbildung

Prof. Dr. Rita Meyer ist Professorin am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung (IfBE) der Leibniz Universität Hannover. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Veränderung von Arbeit und Beruflichkeit, berufliche und betriebliche Qualifizierung und Kompetenzentwicklung sowie wissenschaftliche Weiterbildung. Mit der CSSA sprach sie über Weiterbildung 4.0 und die Zukunft des Facharbeiters: zum Interview.

Neue Medien für Lehren und Lernen nutzen

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser ist seit dem 1. Mai 2011 Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Zu seinen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten gehören insbesondere die Berufs- und Qualifikationsforschung, die europäische Berufsbildung, der Deutsche und Europäische Qualifikationsrahmen (DQR und EQR) sowie das Thema „Entrepreneurship" (Unternehmertum). Der CSSA beantwortete er drei Fragen zum Thema „Bildung 4.0": zum Interview.

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