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23.03.2017 11:39 Alter: 269 days

Mut zur Digitalisierung - „Einfach machen!"

Computer können inzwischen sehr vieles, nur eins können sie vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht: Die Zukunft vorhersagen. Deshalb suchten Anfang März 200 Gäste aus Industrie, Wissenschaft, Kirche und Politik nach Antworten auf die Frage: Wie könnte die Arbeit der Zukunft aussehen?



Symposium „Arbeiten 4.0“ bei Merck in Darmstadt am 6. März 2017

Computer können inzwischen sehr vieles, nur eins können sie vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht: Die Zukunft vorhersagen. Deshalb suchten Anfang März 200 Gäste aus Industrie, Wissenschaft, Kirche und Politik nach Antworten auf die Frage: Wie könnte die Arbeit der Zukunft aussehen? Wenngleich vieles im Vagen blieb – Angst vor der Arbeitswelt von morgen braucht niemand zu haben.

Wie die Lage heute ist, beschrieb Kai Beckmann, Mitglied der Geschäftsleitung von Merck, so: „Jeder von uns hat ein Handy. Wir bekommen Entzugserscheinungen, wenn wir einen Tag ohne Smartphone sind“. Die Bedürfnispyramide, wie sie sich der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow vorstellte, brauche daher eine zusätzliche Ebene: W-LAN als Grundbedürfnis, noch wichtiger als Luft und Wasser. „Merck ist an diesen Entwicklungen nicht ganz unschuldig“, scherzte Beckmann. Schließlich produzieren sie seit Jahren Flüssigkristalle für Flachbildfernseher, Handys, Digitalkameras oder Navigationsgeräte.

Arbeiten 4.0 werde auch verändern, wann und wo wir arbeiten. Mit mywork@merck habe das Unternehmen ein flexibles Arbeitsmodell geschaffen. Die Vereinbarung zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat ermöglicht etwa Vertrauensarbeitszeit und mobiles Arbeiten. Das betrifft immerhin die Hälfte der 10.000 Merck-Beschäftigten in Deutschland.

Virtual Reality und Segensroboter

Was alles mit der digitalen Transformation möglich ist, präsentierte der Unternehmensberater Nick Sohnemann anschaulich in seiner Vision von Arbeit in der Zukunft: „Smart Homes, Smart Cars, Smart Glasses – das alles wird unser Leben wie eine Welle fluten.“ Der Arbeitsplatz der Zukunft werde nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern überall sein. Die Cloud verbinde Kollegen miteinander, mit so genannten Virtual-Reality-Brillen könne man potentielle Stellenbewerber auf eine Betriebsbesichtigung mitnehmen oder sich mit Kunden virtuell treffen – was besonders günstig zwischen Standorten auf unterschiedlichen Kontinenten sei. Es gebe aber auch Gegenentwürfe: Die bewusste Auszeit von Smartphone und Internet, Digital Detox, entwickle sich bereits heute zum Trend. Und auf dem Facebook-Campus in Silicon Valley setze man auf grüne Inseln und soziale Begegnung. Sohnemann: „So fortschrittlich Facebook auch ist, es gibt absichtlich nur wenige Kaffeemaschinen, damit sich die Kollegen unterhalten, wenn sie in der Schlange stehen.“

Wie die Unterhaltung der Zukunft aussehen kann, demonstrierte NAO. Das ist ein Roboter, der ähnlich aussieht wie ein Mensch, nur etwas kleiner. Die Podiumsdiskussion fand dann aber ohne ihn statt - vielleicht, weil es ihm an den nötigen theologischen Kenntnissen fehlte. Jedenfalls erzählte Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, von einem Experiment zur Feier des 500. Jahrestags der Reformation. „Auf der Weltausstellung Reformation in Wittenberg wird neben der mobilen Lichtkirche aus Darmstadt ein Segensroboter zu sehen sein.“ Die spannende Frage: Wie wichtig ist heute noch die persönliche Zuwendung – und: Braucht es dafür unbedingt Menschen?

Ständige Weiterbildung

Doch inwieweit ist Arbeiten 4.0 in den Unternehmen der chemischen Industrie angekommen? Volker Weber, Landesbezirksleiter der IG BCE Hessen-Thüringen, sagte dazu: „In den Fabrikhallen und in der Verwaltung ist Arbeit 4.0 nicht neu.“ Jedoch gehe die Diskussion am Mittelstand vorbei. Die Rahmenbedingungen, sprich die nötige Infrastruktur, seien nicht vorhanden. Das Netz sei zu langsam, um die digitalen Neuerungen effektiv nutzen zu können. Die Staatssekretärin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), Yasmin Fahimi, warb außerdem für mehr Anstrengungen zur Fort- und Weiterbildung. Professor Anette Weisbecker vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) unterstützte sie darin: „70 Prozent der Arbeitnehmer betrachten lebenslanges Lernen als Notwendigkeit.“ Das sei das Ergebnis einer Unternehmensbefragung. Vonseiten der Unternehmen werde dies aber noch zu wenig umgesetzt, kritisierte Weber.

„Wir alle entscheiden, wie wir arbeiten.“

Fahimi sagte weiter, dass lebenslanges Lernen auch ein Schlüssel zur persönlichen Freiheit jedes Einzelnen sei. Für sie gebe es keinen „technologischen Determinismus“. Vielmehr würden „wir alle entscheiden, wie wir die Arbeit gestalten.“ Beckmann von Merck hielt mit dem Hinweis dagegen, dass neue Marktteilnehmer, wie der Fahrdienst und Taxi-Konkurrent Uber, auch die Bedingungen ändern oder gar diktieren. „Wir können nicht abwarten, was die anderen machen, sondern müssen selbst tätig werden.“

Seine Sicht auf die Zukunft beschrieb Kirchenpräsident Jung so: „Die Digitalisierung wird verhängnisvoll, wenn es irgendwann heißt: Jetzt müssen wir zu den digitalen Möglichkeiten die passenden Menschen schaffen.“ Digitalisierung gelinge hingegen, wenn das Leben dadurch leichter, freier, gerechter und friedlicher werde. Digitalexperte Sohnemann kritisierte die ängstliche, negative Sicht und forderte mehr positives Denken. Er appellierte an die Chemie-Industrie: „Einfach machen“. Weisbecker vom IAO brachte hierzu ein Beispiel aus ihrer Arbeit: Im Future Work Lab am Fraunhofer-Campus in Stuttgart könnten die Mitarbeiter die neue Technik selbst ausprobieren. Man verliere so die Vorbehalte und entdecke den Spaß am Neuen.

Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Moderator Thorsten Winter, Volker Jung, Anette Weisbecker, Kai Beckmann, Yasmin Fahimi, Volker Weber, Nick Sohnemann

Alle Fotos: Merck


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