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31.10.2016 10:15 Alter: 207 days

„Genug Kompetenzen für Industrie 4.0“

Die Prognosen könnten gegensätzlicher kaum sein. Hier der Jobmotor Industrie 4.0, der Deutschland rund 400.000 neue Jobs bringt. Dort der Jobkiller, der 42 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland bedroht, überträgt man Berechnungen für den amerikanischen Arbeitsmarkt auf Deutschland.



Die Prognosen könnten gegensätzlicher kaum sein. Hier der Jobmotor Industrie 4.0, der Deutschland rund 400.000 neue Jobs bringt. Dort der Jobkiller, der 42 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland bedroht, überträgt man Berechnungen für den amerikanischen Arbeitsmarkt auf Deutschland.


Industrie 4.0: Ökonomisches Wachstum versus das Ende der Arbeit, wenigstens für große Teile der Bevölkerung. Welche menschlichen Tätigkeiten wegfallen oder neu entstehen, ist naturgemäß nicht einfach zu beantworten. Einmal, weil wir noch nicht wissen, ob die Veränderungen allmählich und stetig oder plötzlich („disruptiv“) vor sich gehen. Zum anderen, weil sich Verlauf und Ergebnis einer Entwicklung nicht umstandslos aus der Technik ableiten lassen.

Bitte keine Untergangsszenarien

Sabine Pfeiffer (Foto), Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim, hält nicht viel von solchen Untergangsszenarien. Ihrer Meinung nach kommen sie oft deshalb zustande, weil sie „die Vielfalt und Komplexität realer Arbeit an und mit Maschinen und Anlagen“ nicht zur Kenntnis nehmen und auf verfehlten Annahmen über Routineanteile der Arbeit gründen. Pfeiffer: „Alle Einschätzungen zu Beschäftigungseffekten infolge neuer Digitalisierungswellen nehmen ihren Ausgang in der Unterscheidung von Routine- und Nicht-Routinetätigkeiten.“ Und Routinetätigkeiten gelten als besonders anfällig für die Automatisierung.

Reichen unsere Kompetenzen für Industrie 4.0?

Die Soziologin schlägt daher einen anderen Weg vor: Im Zentrum sollte nicht die Frage stehen, „welche Jobs wir in der Zukunft durch Industrie 4.0 verlieren könnten, sondern: Haben wie heute ausreichende Kompetenzen für die Gestaltung von Industrie 4.0?“ Um das festzustellen, hat sie zusammen mit Dr. Anne Suphan einen Arbeitsvermögensindex entwickelt. Dieser AV-Index erfasst am Arbeitsplatz „situative und strukturelle Anforderungen durch Komplexität und Unwägbarkeit sowie die Notwendigkeit subjektivierenden Arbeitshandelns im Umgang damit“. „Subjektivierendes Arbeitshandeln“ heißt, dass der Menschen mit allen Sinnen bei der Arbeit ist. Pfeiffer: „Nicht nur Verstand und Logik helfen, in (zeit-)kritischen Situationen die richtige Entscheidung zu treffen, sondern auch Intuition, Bauchgefühl und Emotion.“ Diese Fähigkeiten würden sich erst im Lauf der Zeit ausbilden und sich daher vor allem bei erfahrenen Beschäftigten finden. Für sie ist „Erfahrung deutlich vielschichtiger und nicht allein mit den Kategorien Routine oder Nicht-Routine zu beschreiben“.

71 Prozent bewältigen ständig Wandel und Komplexität 

Nun ist unstreitig, dass mit der Automatisierung und Digitalisierung zwangsläufig die Systemkomplexität steigt. Doch die nicht automatisierten Störungen „erfordern gerade deshalb umso mehr – und nicht wie oft angenommen – weniger subjektivierende Kompetenzen und lebendiges Arbeitsvermögen zu ihrer Bewältigung“, sagt Pfeiffer. Nach den Ergebnissen ihrer Untersuchung „bewältigen mehr als 71 Prozent aller Erwerbstätigen alltäglich Komplexität, Unwägbarkeiten und Wandel“. Sie kämen auch mit schwierigen Situationen zu Recht, auch wenn dafür nicht alle Informationen zur Verfügung stünden, seien in der Lage, Erfahrungen zu machen und jederzeit anzuwenden, wenn komplexe Arbeitssituationen dies erforderten. Pfeiffer: „Sie tun damit das Gegenteil von Routine.“

Ihre Arbeitsergebnisse haben Sabine Pfeiffer und Anne Suphan ist einer Kurzfassung veröffentlicht: „Der AV-Index. Lebendiges Arbeitsvermögen und Erfahrung als Ressourcen auf dem Weg zu Industrie 4.0“. download


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