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25.01.2017 14:14 Alter: 120 days

Pflichtfach Digitalisierung

Fachtagung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn diskutiert: Wie machen wir die Beschäftigten fit für die Zukunft der Arbeit. Und: Wie sieht die Arbeits- und Lebenswelt 4.0 überhaupt aus?



Kaum eine Zahl sorgt in der Gegenwart für so viel Unruhe, Diskussionen, Foren und Tagungen wie die Zahl 4: Industrie 4.0, Arbeit 4.0, Berufsbildung 4.0 oder Arbeitsrecht 4.0. Überall geht es darum, sich ein klareres Bild von einer Arbeits- und Lebenswelt zu machen, deren Zukunft in Begriffen wie digital oder vernetzt und agil beschrieben wird. So jüngst auch bei der Fachtagung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) „Automatisierung – Digitalisierung – Polarisierung“ in Bonn.

 
Carl Benedikt Frey, Oxford University            Ulrich Zierahn, ZEW


Niemand weiß heute genau, wie die Arbeit der Zukunft aussieht, welche neuen Berufe sie hervorbringt und welche Qualifikationsanforderungen künftig nötig sind. Klar ist nur, dass wir anders arbeiten werden, dass weniger die formalen Qualifikationen „als vielmehr die Kompetenzen und ausgeübten Tätigkeiten entscheidend“ sein werden, wie es der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank J. Weise in einem Beitrag zu dem Buch „Chemie digital – Arbeitswelt 4.0“ sagt. Ausbilder in den Betrieben sowie die Lehrer an den Berufsschulen stellt das vor das Problem, für „eine Technik ausbilden zu müssen, die wir heute noch nicht kennen“, sagt Olaf Kratzer von der Volkswagen Akademie.

Unklar ist auch, ob und wie viele Menschen die Digitalisierung arbeitslos macht oder ob sie nicht hinreichend neue Jobs schafft. Die düsterste Prognose stammt von den beiden Wissenschaftlern Michael A. Osborne und Carl Benedikt Frey von der Oxford University, wonach hierzulande 42 Prozent aller Arbeitsplätze bedroht sind – überträgt man ihre Berechnungen für den amerikanischen Arbeitsmarkt auf Deutschland. Frey wiederholte in Bonn seine Thesen, die aber auf heftigen Widerspruch stießen. Gerd Zika vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) und Caroline Neuber-Pohl vom BIBB kommen in einer Projektion zu dem Ergebnis, dass durch die Digitalisierung bis zum Jahr 2030 etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Aber: Fast ebenso viele Arbeitsplätze entstehen an anderer Stelle neu. Viele Beschäftigte, vor allem im produzierenden Gewerbe, müssen sich darauf einrichten, in anderen Branchen unterzukommen, etwa Dienstleistungen. Beispiel: Cybersicherheit, die angesichts zunehmend vernetzter Produktionsabläufe und Dinge beträchtlich an Gewicht gewinnen wird.

Digitalisierung schafft neue Arbeitsplätze

Dass die Prognosen für die USA erheblich von denen für Deutschland abweichen, erklärt sich so: Die deutschen Wissenschaftler untersuchen statt der formalen Qualifikation (Berufsabschluss) den tatsächlichen Arbeitsplatz und die dort ausgeübten Tätigkeiten (task based approach). Wenn man so vorgeht, betonte Ulrich Zierahn vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), „fallen nur noch 9 Prozent in den Bereich der Ersetzbarkeit“ und nicht 47 Prozent wie Osborne und Frey für die USA herausgefunden haben wollen. Im Mittel bezifferte er das Automatisierungspotenzial für Deutschland auf 12 Prozent. Zierahn betonte überdies, „dass neue Technologien nicht unbedingt Leute freisetzen, sondern vor allem ihre Tätigkeiten ändern“. Für ihn lautet daher die zentrale Frage: „Welche Jobs werden wir in Zukunft haben und wie machen wir die Leute fit für die Arbeit der Zukunft?“

Alle Referenten betonten einhellig, dass die Qualifikationsanforderungen weiter steigen. Wie sehr sich Anforderungsprofile bereits verändert haben und verändern, verdeutlichte Olaf Katzer von der Volkswagen Akademie anhand der „Ausbildungsinhalte für einen Instandhalter, die früher nur für Ingenieure vorgesehen waren“. Katzer unterstrich auch, in die künftige Ausbildung müssten „Prozessverständnis und Methodenkompetenz eingehen und nicht nur Fachkompetenz“. Oliver Grün vom Bundesverband IT-Mittelstand (BITMi) forderte: „Digital muss spätestens ab der 3. Klasse Pflichtfach werden.“


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