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27.04.2017 10:51 Alter: 84 days

Führen auf Augenhöhe

Die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) lud zum Kongress „Forum protecT“ ein. Im Fokus standen die Fragen, wie Führung so gestaltet werden kann, dass sie die Gesundheit der Mitarbeiter erhält und fördert und welche Rolle die Gefährdungsbeurteilung dabei spielt.



 

Mehr als 400 Unternehmensvertreter waren der Einladung der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) nach Magdeburg gefolgt. Im Fokus standen die Themen Führung und Gefährdungsbeurteilung. Dazu wurden vor allem pragmatische Umsetzungen und Praxisbeispiele ausgetauscht.

„Macht Management krank?” Mit dieser Frage eröffnete Silke Luinstra von der Unternehmensberatung Augenhöheworks GmbH ihr Impulsreferat beim „Forum protecT“. „Unternehmen wollen die besten Führungskräfte und Mitarbeiter, behandeln diese dann aber wie Kinder“, kritisierte Luinstra. Die Ökonomin schlug vor, auf die Fähigkeiten der Beschäftigten zu vertrauen und ihnen mehr Möglichkeiten zur Selbstorganisation zu geben: „Selbstorganisation heißt dabei nicht, die Mitarbeiter sich selbst zu überlassen. Selbstorganisation erfordert einen hohen Grad an Organisation und vor allem Führung – Führung mit Transparenz, Verlässlichkeit und der Entschlossenheit, Selbstorganisation zu fördern.“ Die Wirklichkeit sehe jedoch oft anders aus. Es werde mehr gesteuert, gelenkt, geregelt, Vorgaben gemacht und dichtere Reportings verlangt. Luinstra bezweifelte, dass so die Lösung für eine komplexer werdende Arbeitswelt aussieht. Ein erster Ansatzpunkt hierfür sei es, die bestehenden Regeln genauer zu betrachten: Welche Regeln brauchen wir wirklich, welche sind gesetzlich vorgeschrieben und wie nutzen wir sie?

Führungsverantwortung ist gefragt

Gesetzlich festgeschrieben ist etwa die Verantwortung der Führungskraft für den Arbeits- und Gesundheitsschutz, wie Ilka Montag vom Kompetenz-Center Qualifizierung der BG RCI herausstellte. Führungsverantwortung beginnt bereits bei der Personalauswahl: Wie ausgeprägt ist das Gesundheits- und Gefahrenbewusstsein der Führungskraft? Steht dies im Einklang mit den sozialen Kompetenzen? Und in welchen Bereichen besteht noch Qualifikationsbedarf? Nur wer sich selbst gesund führt, kann auch als Vorbild für seine Mitarbeiter vorangehen.

Dass in der Gefährdungsbeurteilung kein „bürokratisches Monster“ lauert, zeigten Ilka Montag und ihre Kollegin Natalie Schönberg von der BG RCI. Neben dem vorrangigen Ziel, Gefährdungen zu ermitteln und sie mit entsprechenden Maßnahmen zu vermeiden beziehungsweise zu vermindern, bietet die Gefährdungsbeurteilung zusätzlichen Nutzen.

Gefährdungsbeurteilung - kein bürokratisches Monster

Sie wird zum Beispiel zum Kommunikationsinstrument, wenn die Mitarbeiter bei der Gefährdungsermittlung mit einbezogen werden. Die Expertise der Mitarbeiter wird wertgeschätzt, indem sie nach ihren konkreten Tätigkeitsabläufen gefragt werden. Schließlich kennen sie die Abläufe und Belastungen in ihrem Arbeitsalltag am besten. Hierbei können die Mitarbeiter auch ihre eigenen Vorschläge einbringen. Etwa, wie sich ihr Arbeitsablauf vereinfachen lässt und Gefährdungen vermieden werden können. 

Auch zum Wissenstransfer zwischen den Mitarbeitern kann die Gefährdungsbeurteilung beitragen. Wenn die einzelnen Mitarbeiter ihre Tätigkeiten beschreiben, treten beispielsweise auch Abweichungen zu Tage. Im Austausch lassen sich die unterschiedlichen Herangehensweisen diskutieren: Wieso wird die Arbeit anders ausgeführt? Gibt es etwa effizientere Möglichkeiten, die Aufgabe auszuüben? Sind die Abweichungen sicherheitsrelevant? Oder gibt es andere Gründe?

Der Betriebsleiter Jürgen Schwarz vom Chemie-Unternehmen Kissel + Wolf GmbH nutzt beispielsweise die Gefährdungsbeurteilung und monatliche Sicherheitsrundgänge zur Früherkennung, um sich direkt bei den Mitarbeitern über aktuelle betriebliche Vorkommnisse, Störungen und Gefahren zu informieren. Gelebter Gesundheitsschutz wird durch die Rundgänge sichtbar. Darüber hinaus ließen sich mit der Gefährdungsbeurteilung auch sehr gut Investitionsentscheidungen begründen. Sie ist also ein vielseitiges, wenn auch noch häufig unterschätztes Führungsinstrument.

Mehr Infos zum „Forum protecT":

Das Forum protecT ist ein jährlich stattfindender Kongress für Führungskräfte, Unternehmer und Spezialisten aus den Mitgliedsbetrieben der BG RCI. Beim Forum protecT 2016/2017 stellte die Berufsgenossenschaft die ersten beiden von insgesamt sieben Erfolgsfaktoren ihrer Präventionsstrategie „Vision Zero. Null Unfälle – gesund arbeiten“ in den Fokus: „Leben Sie Führung“ und „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“.

Foto: Armin Plöger


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