Gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit

Streitfall Nachhaltigkeit (v.r.): Staatssekretär Mattias Machnig, IG BCE-Chef Michael Vassiliadis, NABU-Chef Olaf Tschimpke, Conny Czymoch (Moderation), Marlen Thieme vom RNE und Ralf Kattanek, Geschäftsführer CHT R. Beitlich GmbH.

Der Blick zurück hilft mitunter der Erkenntnis, wie nachhaltig sich die Umweltdebatte in Deutschland verändert hat. „Nachhaltigkeit war mal ein politischer Kampfbegriff,“ sagte Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Umweltschutz oder Industriegesellschaft – das war lange der Frontverlauf einer Debatte, die laut Machnig Züge eines „Kulturkampfes“ annahm. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Die einstigen Kontrahenten debattieren miteinander, suchen den Dialog, das Gespräch. Jüngstes Beispiel: die gemeinsame Tagung des Rats für nachhaltige Entwicklung (RNE) und der Initiative Chemie3 am 12. November 2014 in Berlin. Chemie3: Das sind der Verband der chemischen Industrie (VCI), die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) – „drei Säulen der Nachhaltigkeit“, wie Ministerialrat Alexander Nies vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), die Initiative scherzend nannte.

Eine ungewöhnliche Allianz

Sie ist ein ungewöhnliches Bündnis, wie Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, rückblickend anmerkte: „In meiner Organisation war es durchaus umstritten, als ich in den RNE eintrat.“ Heute sitzen beide Organisationen gemeinsam auf dem Podium und debattieren miteinander. Anders kann es nicht gehen, betonte Margaret Suckale, Präsidentin des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), in einer Videobotschaft: „Die Glaubwürdigkeit von Chemie3 steht und fällt nicht nur mit konkreten Ergebnissen, sondern auch mit der Bereitschaft, eine offene Diskussion mit allen Beteiligten zu führen.“

Das Ziel der Initiative ist einfach: „Sie will Nachhaltigkeit als Leitbild in der Chemiebranche verankern“, sagte Marlehn Thieme vom RNE. Und zugleich zur Nachahmung anregen. Rund 200 Teilenehmerinnen und Teilnehmer aus der chemischen Industrie, Umweltverbänden und der Politik folgten der Tagung im Humboldt-Carree.

Peter Altmaier
Michael Vassiliadis
Marijn Dekkers

Es gibt viele Gemeinsamkeiten

Gemeinsamkeiten gibt es viele. Einig waren sich alle Beteiligten, dass heute kein Unternehmen ohne Nachhaltigkeit auskommt „und sich nicht mit wenigstens einem Aspekt der Nachhaltigkeit beschäftigt“, sagte Olaf Tschimpke von der Bundesvertretung des Naturschutzbunds Deutschland (NABU). „Wohlstand und Wachstum funktionieren nur mit Nachhaltigkeit“. Daran ließ auch der frühere Bundesumweltminister und heutige Chef des Bundeskanzleramts, Peter Altmaier, keinen Zweifel. Ohne Nachhaltigkeit geht nichts – das ist sozusagen der Generalnenner.

Aber es gibt auch viele Differenzen. Dies lässt genügend Raum für Kontroversen. Im Kern, das zeigte die Tagung, ist aller Streit um Nachhaltigkeit einer um die Frage des Tempos. Anders gesagt: Wie schnell soll die Energiewende vollzogen, die CO2-Emissionen gemindert, die Kreislaufwirtschaft vorangetrieben oder die Weltmeere von Plastikmüll gesäubert werden? Die einen, meist die Umweltverbände, möchten auf die Tube drücken, die anderen, Politik und Wirtschaft, wollen auch Fragen der Wettbewerbsfähigkeit und der sozialen Gerechtigkeit berücksichtigen, um alle mitzunehmen. Darüber entzündeten sich im Folgenden die Debatten.

Drei Nachhaltigkeitsdimensionen: sozial, ökologisch und ökonomisch

Nachhaltigkeit betrifft mithin nicht nur die Umwelt, sondern auch die soziale und ökonomische Dimension (die drei Dimensionen von Nachhaltigkeit), wenngleich die „ökologische Dimension immer noch der entscheidende Imperativ ist“, wie Marijn Dekkers, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG und neuer Präsident des VCI, kritisierte. Leicht verständlich daher, dass es zwischen diesen Dimensionen zu sogenannten Zielkonflikten kommen kann und kommt. Als gravierendes Beispiel nannte Ministerialrat Alexander Nies, dass Länder wie Indien, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, die Ukraine, Vietnam und Zimbabwe noch immer nicht der Rotterdam-Konvention beigetreten sind und massiv Asbest fördern und verbauen. Das Übereinkommen, das am 10. September 1998 in Rotterdam angenommen wurde und am 24. Februar 2004 in Kraft trat, will den internationalen Handel mit bestimmten gefährlichen Chemikalien eindämmen. Russland, so Nies, fördert aus seinen Minen alljährlich nach Schätzungen 1 Million Tonnen Asbest. Mit anderen Worten: Das ökonomische Motiv erschlägt alle ökologischen Einwände.

Streit entzündet sich meist an der Frage des Tempos

Doch auch hierzulande ist die Eintracht von Ökologie und Ökonomie nicht immer ungestört. Ob es zu Konflikten kommt und wie stark sie ausfallen, lässt sich letztlich wieder in eine Frage der Geschwindigkeit übersetzen, wie es auch Dekkers tat: „Die Energiewende kann nur erfolgreich sein, wenn sie die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie nicht gefährdet.“ Mit anderen Worten: Eilt sie voran, macht also zuviel Tempo, geht es womöglich bergab mit der Industrie. Dass zu viel Schnelligkeit die Akzeptanz von Nachhaltigkeit gefährden kann, verdeutlichte auch Michael Vassiliadis  „Wenn es mit der sozialen Nachhaltigkeit nicht stimmt, geht es auch mit der ökologischen nicht voran.“

„Bitte keine apokalytischen Diskurse“

Mitunter muss die Industrie zu ihrem Glück gezwungen werden, wenigsten nach Ansicht der Vertreter der Politik. Staatsekretär Matthias Machnig wies darauf hin, dass die Industrie gern „apokalyptische Diskurse“ anstimmt, wenn die Politik die Rahmenbedingungen ändert. Als Beispiel verwies er auf die Einführung des Emissionshandels an, den die Industrie seinerzeit als „eine Art Morgenthauplan für die Energiesicherheit“ verunglimpft habe. Nach den Plänen des amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau sollte Deutschland nach dem 2. Weltkrieg deindustrialisiert und in einen Agrarstaat verwandelt werden. Peter Altmaier assistierte mit dem Beispiel des Dreiwege-Katalysators. Dessen Einführung habe unvermeidlich den Untergang der deutschen Automobilindustrie zur Folge, lauteten damals die Einwände. Doch das Gegenteil sei der Fall gewesen: „Die Branche konnte überhaupt nur weiter wachsen, weil ihre Autos umweltfreundlich wurden“, sagte Altmaier.

Nachhaltigkeit als Innovationsmotor und Geschäftsmodell

Altmaier gab damit das Stichwort für einen anderen Aspekt von Nachhaltigkeit: als Innovationsmotor und Geschäftsmodell. Als Beispiele nannte er die Windenergie und Gips, das bei der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken gewonnen und zu Rigipsplatten verarbeitet wird. Tatsächlich kann man mit Nachhaltigkeit nicht nur Geld sparen, etwa dank höherer Energieeffizienz, sondern auch Geld verdienen. Zum Beispiel die W. Neudorff GmbH KG Chemische Fabrik. Der Hersteller von Pflanzenschutzmittel hat sich seit Jahrzehnten dem naturgemäßen Gärtnern und er Nachhaltigkeit verschrieben. „Früher wurden wir deshalb nicht ernstgenommen, heute gelten wir als Vorreiter“, sagte Geschäftsführer Hans-Martin Lohmann. Zweites Beispiel: Der Textilhersteller CHT R. Beitlich GmbH (Umsatz: 380 Millionen Euro) hat Farbmittel mit einer höheren Fixierung entwickelt. Das spart Wasser. Adidas hat mit anderen Markenherstellern der Sportartikelindustrie vor drei Jahren die Initiative „Zero Discharge of Hazardous Chemicals Programme“ ins Leben gerufen. Ihr Ziel: die Optimierung des Chemikalienmanagements entlang der Wertschöpfungskette.

Gute Beispiele für Nachhaltigkeit sind wichtig

Das solche Beispiele wichtig sind, unterstrich Klaus Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) in Wiesbaden: „Nachhaltigkeit lebt von erfolgreichen Praxisbeispielen.“ Sein Fazit: „Nachhaltigkeit ist ein Prozess, man wird mit ihr nie fertig.“ So gesehen war die Tagung nur der Auftakt zu einer nachhaltigen Debatte. Auf die Fortsetzung können wir gespannt sein.

Initiative Chemie3

Im Jahr 2012 gründeten der Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI), die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) die Nachhaltigkeitsinitiative "Chemie³". Das Ziel: Nachhaltigkeit als Leitbild innerhalb der Branche verankern.
www.chemiehoch3.de

Der RNE

Im Jahr 2001 hat die damalige, rot-grün geführte Bundesregierung den Rat für Nachhaltige Entwicklung berufen. Er berät die Politik in Sachen Nachhaltigkeit und macht Vorschläge zu Zielen und Indikatoren zur Fortentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie. Dem Rat gehören 15 Vertreter aus der Politik, den Gewerkschaften, der Kirchen, den Umweltverbänden, Unternehmen sowie Wissenschaftler an.
www.nachhaltigkeitsrat.de

Rotterdam-Konvention

Das zentrale Anliegen des Rotterdamer Übereinkommens ist: Staaten, die gefährliche Chemikalien importieren, sollen ausreichende Daten vorliegen, damit sie wissen wie giftig sie sind, wie sie zu bewerten sind und wie sie mit ihnen umzugehen haben. Die Konvention, die am 24. Februar 2004 in Kraft trat, haben 154 Staaten ratifiziert.
www.pic.int

Initiative ZDHC

Führende Bekleidungs- und Sportartikelhersteller sowie des Textilunternehmen, darunter Adidas, Puma, H & M, G-Star, C & A und Benetton, gründeten im Jahr 2011 die Initiative "Zero Discharge of Hazardous Chemicals Programme". Ihr Ziel: In ihren Produkten sollen bis zum Jahr 2020 keine gefährlichen Chemiekalien eingesetzt werden.
www.roadmaptozero.com

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