„Sozialpartnerschaft ist ein kultureller Faktor"

Prof. Dr. Oliver Som ist FH-Professor und seit 2016 Hochschullehrer und Fachbereichsleiter Innovationsmanagement und Innovationsökonomie am MCI Management Center Innsbruck. Zuvor leitete er das Geschäftsfeld „Industrielle Innovationsstrategien“ sowie das Competence Center „Industrie- und Serviceinnovation“ am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI.

Herr Prof. Som, Sozialpartnerschaft, also die kooperative Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Mitarbeitern, lässt sich schwer messen. Sie haben es trotzdem versucht und zusammen mit der CSSA einen Fragebogen für Unternehmen entwickelt. Wie fragen Sie danach, ob in einem Betrieb ein sozialpartnerschaftlicher Umgang herrscht?
Wichtig für das Verständnis ist zunächst die Begriffsbestimmung von Sozialpartnerschaft. Sozialpartnerschaft ist nicht nur die institutionell geregelte Mitbestimmung, sondern geht darüber hinaus: Sie meint die von Mitarbeitern und Unternehmen geteilte Haltung, die gelebte Wertschätzung und Respekt. Daher beschränken wir uns in der Studie nicht nur darauf, ob es einen Betriebsrat gibt, sondern wir fragen nach der in den Betrieben tatsächlich gelebten Sozialpartnerschaft entlang unterschiedlicher Dimensionen wie Betriebsklima, Kommunikation, Konfliktbewältigung, Partizipation und Identifikation.

Auf welche Herausforderungen sind Sie bei der Fragebogenerstellung gestoßen? Wie haben Sie diese gelöst?
In der Forschung gibt es eine solche Studie, wie wir sie gemacht haben, noch nicht. Da die fünf Dimensionen schwer messbar sind, gibt es bislang überwiegend qualitative Zugänge, beispielsweise über Interviews. Diese sind jedoch sehr von der persönlichen Meinung der Interviewten geprägt und nicht statistisch repräsentativ. Wir wollten einen Schritt weitergehen und sind dabei auf verschiedene Probleme gestoßen. Zum einen unterliegen viele Begriffe der subjektiven Interpretation und sind nicht selten emotional und normativ aufgeladen. Daher ist es entscheidend, wie wir die Fragen formulieren. Bewertungen wie etwa: „Wie gut funktioniert die Kommunikation in Ihrem Hause?“ haben wir vermieden. Stattdessen haben wir neutrale Fragen gestellt wie: „Welche Formen der Kommunikation gibt es?“ beziehungsweise „Wann und wie werden diese eingesetzt?“. Zum anderen gibt es bei Veränderungsprozessen in der Regel einen hohen Zeitverzug zwischen Maßnahme und Effekt. So kann zwischen der Einführung von Teambesprechungen und der Verbesserung des Betriebsklimas ein halbes oder ganzes Jahr liegen. Und zum Zeitpunkt unserer Fragen wissen wir nicht zuverlässig, wie das Betriebsklima vorher war.


Frühzeitig die ganze Organisation mitnehmen

Als Forscher haben Sie bereits viel Erfahrung in der verarbeitenden Industrie. Was war für Sie in der Chemie besonders?
Besonders interessant war für mich, wie Sozialpartnerschaft von den beteiligten Parteien verstanden und gelebt wird. In der Chemieindustrie ist es mehr ein Miteinander und kein Kampf gegeneinander. Deshalb lassen sich die Studienergebnisse auch nicht eins zu eins auf die Elektro- oder die Metallbranche übertragen. Außerdem steht in anderen Branchen der verarbeitenden Industrie die Herstellung von Produkten und Stückgütern im Vordergrund, in der Chemie jedoch viel stärker die Prozessfertigung – und damit die Prozessgestaltung. Hier spielen organisatorische Neuerungen eine größere Rolle. Viele Chemieunternehmen wissen bereits, dass die organisatorische Innovation eine wirkungsvolle Gestaltungsform ist.

Was ist das Ergebnis: Wie zeigt sich nun eine gute Sozialpartnerschaft?
In einer hohen Zufriedenheit in unterschiedlichen Gesichtspunkten: dem Betriebsklima, der Anerkennung, dem Einräumen von Handlungsspielräumen und dem Einbeziehen der Mitarbeiter in Veränderungen. Mehr noch: Unternehmen können die Potenziale neuer Technologien besser ausschöpfen, wenn sie frühzeitig die ganze Organisation mitnehmen. Das zeigt auch die Studie „Organisational and Marketing Innovation – Promises and Pitfalls“, die mein Team und ich vor ein paar Jahren für die Europäische Kommission durchgeführt haben.

Welches Ergebnis hat Sie überrascht?
Überrascht hat mich der deutliche Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit mit der Sozialpartnerschaft und der Leistungsfähigkeit der Betriebe. Das konnten wir und andere Institutionen in bisherigen qualitativen Studien so nicht ableiten. Damit sehen wir hier starke Anhaltspunkte für eine positive Wirkung der Qualität der Sozialpartnerschaft auf den ökonomischen Erfolg von Unternehmen.


Rahmen für eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur

Das heißt, man kann Sozialpartnerschaft berechnen, sprich im Betriebsergebnis wiederfinden?
Nein, das glaube ich nicht. Zumindest nicht so zweifelsfrei, wie sonst Kennzahlen dargestellt werden können. Damit müssen wir uns auch abfinden. Sozialpartnerschaft ist eher ein kultureller Faktor, genau wie Führungskultur oder Kommunikation und wirkt daher gleichzeitig auf eine Vielzahl unternehmensinterner Abläufe.

Welchen Handlungsbedarf leiten Sie aus der Studie für die Unternehmen der chemischen Industrie ab?
Sozialpartnerschaft sollte gepflegt werden, auch und gerade ganzheitlich in all den betrachteten Dimensionen. Denn sie bildet den tragfähigen, institutionellen Rahmen für eine wandlungsfähige und innovationsfreundliche Unternehmenskultur.

Die erste Studie wurde im Jahr 2014, die zweite in 2016 durchgeführt. Wie geht es in diesem Thema für Sie weiter?
Aktuell kommen vermehrt Unternehmen, darunter auch Großunternehmen, auf uns zu. Hauptsächlich zum Thema Industrie 4.0 und zu den Fragen „Wie können wir die zukünftigen Veränderungen gestalten?“ und „Wie nehme ich die Beschäftigten mit?“. Im Prinzip geht es häufig darum, die „verpasste Sozialpartnerschaft“ nachzuholen. Gleichzeitig sehe ich die Entwicklung, dass die Arbeitskultur im Zuge der Digitalisierung wieder „technisierter“ und damit unpersönlicher wird. Es wird eine wesentliche Aufgabe für uns alle sein, die sozialen Errungenschaften der deutschen und europäischen Arbeitskultur als Werte zu erhalten und zur Basis erfolgreicher Digitalisierung zu machen.

Ich denke, da bietet uns die Sozialpartnerschaft viele Werkzeuge an. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Som.

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