„Achtung: Gefahr von Irrtum!“

Die öffentliche Debatte wird auch von den folgenden Aussagen bestimmt: Die Gesellschaft vergreist, ja sie „schrumpfvergreist“ (FAZ vom 25.06.2010), sie wird dadurch unbeweglich und starr. Die älteren Arbeitnehmer sind unproduktiv und innovationsfeindlich, die Alten sowieso. Sie fallen den Jungen zur Last, innerhalb und außerhalb der Unternehmen. Was ist dran an solchen Aussagen?

Unstrittig ist: Mit zunehmendem Alter nehmen Muskelmasse und damit Kraft und Schnelligkeit ab. Auch das Gehirn altert. Trotzdem belegen viele Studien: Ältere sind nicht unproduktiver als jüngere, sie sind eben anders produktiv. Mehr noch: Sie können sogar zu höherer Produktivität in Unternehmen beitragen. 

„Ältere sind anders produktiv“

Ein Forscher-Team um Christian Göbel ist zu der folgenden Erkenntnis gekommen: „Wir finden, dass eine Anpassung der Arbeitsanforderungen und eine spezielle Ausstattung der Arbeitsplätze älterer Arbeitnehmer mit einer signifikant höheren Produktivität älterer Arbeitnehmer verbunden sind. In Betrieben mit altersgemischten Arbeitsteams ist nicht nur die Produktivität älterer Beschäftigter höher – auch jüngere Beschäftigte haben eine höhere relative Produktivität. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es starke positive Ausgleichseffekte zwischen Altersgruppen gibt, die durch altersgemischte Teams aktiviert werden.“

Unter anderem sind diese eben zitierten Befunde auf die größere berufliche Erfahrung der älteren Arbeitnehmer zurückzuführen. Diese hilft beispielsweise Fehler früher zu erkennen oder gar zu vermeiden. Auch sind bei den älteren Arbeitnehmern Disziplin und Zuverlässigkeit stärker ausgeprägt als bei den jüngeren Arbeitnehmern. Es hat sich zudem gezeigt, dass Gesundheitszustand und Ausgestaltung des Arbeitsplatzes oft eine stärkere Auswirkung auf die Produktivität haben als das Alter.

„Woher stammen die Vorurteile?“

Eine Forscher-Gruppe um Axel Börsch-Supan, Direktor des Münchner Zentrums Ökonomie und Demogra-phischer Wandel (MEA), hat sich mit der Frage beschäftigt, woher die Vorurteile über die Unproduktivität der Älteren und Alten kommen. Ihre These:


„Die traditionelle Alternsforschung hat sich lange Zeit darauf konzentriert, die physische und kognitive Leistungsfähigkeit des individuellen Menschen zu messen, also losgelöst von seiner Einbettung in eine Gemeinschaft. Die Beschränkung auf individuelle und relativ leicht messbare physische und kognitive Leistungen ist ein Grund für die Defizit-These des Alterns .... . Sie ist eine der Grundlagen für die bereits zitierte und weitverbreitete Ansicht, dass ältere Menschen weniger produktiv sind. Tatsächlich dürfte sich in einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft die Arbeitsproduktivität weniger in der Einzelperson, sondern eher im Zusammenwirken mit den Arbeitskollegen realisieren.“

„Der Zusammenhang zwischen Alter und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten wird in den verschiedensten Disziplinen untersucht - mit zum Teil recht unterschiedlichen Ergebnissen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den Stand der Forschung und diskutiert die Notwendigkeit einer neuen Sicht der Produktivitätsmessung. Bisherige Studien beschäftigen sich mit der Messung der individuellen Produktivität. In einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft realisiert sich die Arbeitsproduktivität allerdings weniger in der Einzelperson als vielmehr in der Gemeinschaft, also im Zusammenwirken von jüngeren, daher vielleicht innovativeren, und älteren, zumeist erfahreneren Mitarbeitern.“

Börsch-Supan, Axel/Düzgün, Ismail/Weiss, Matthias:
Altern und Produktivität: Zum Stand der Forschung, Munich Center for the Economics of Aging (MEA), Mai 2006

Es ist davon auszugehen, dass diese hier zitierten Erkenntnisse nach und nach auch die allgemeine öffentliche Debatte über die alternde Gesellschaft beeinflussen werden. Bisher wurde eine älter werdende Gesellschaft fast zwangsläufig gleichgesetzt mit einer unproduktiveren und innovationsfeindlicheren starren Gesellschaft. Wenn sich nun die These von den unproduktiven älteren Belegschaften nicht mehr halten lässt, dann müsste sich auch der Grundcharakter der öffentlichen Auseinandersetzung über diese Fragen verändern.

Einige Hinweise zu der grundsätzlichen Diskussion u.a. und ohne Anspruch auf Repräsentativität:

faz.net vom 26. Juni 2010:
Die Schrumpfvergreisung der Deutschen. Deutschland verschläft den Kampf um Talente

Thomas Etzemüller: Ein ewigwährender Untergang.
Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2007 (Transcript Verlag)

Thomas Etzemüller: Ein ewigwährender Untergang.
(Einleitung), Bielefeld 2007

Herwig Birg, Bevölkerungswissenschaftler:
www.herwig-birg.de

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