Im Tandem zum Kulturwandel

Francesco Grioli, 44, ist gelernter Energieelektroniker und seit November 2013 der Leiter des Landesbezirks Rheinland-Pfalz/Saarland der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Grioli hat das Projekt QUADEMTA (Qualifizierung zum Demografie-Tandem) maßgeblich initiiert und vorangetrieben.

Herr Grioli, die Sozialpartner in Reinland-Pfalz und Saarland haben jüngst den demografischen Wandel in fünf aufeinander folgenden Tagesseminaren zum Thema gemacht. Was war der Anlass?
Es ging im Grunde um die Frage: Sind wir personalpolitisch so aufgestellt, dass wir eine Antwort auf die demografischen Herausforderungen haben? Haben wir eine Strategie, um auf die absehbare Knappheit an Fachkräften zu reagieren? Wissen unsere Führungskräfte, was der demografische Wandel fürs Führen bedeutet? Wie steht es um das Thema Gesundheit der Beschäftigten im Betrieb? Um altersgemischte Teams? Das Besondere an QUADEMTA ist, dass wir die Sozialpartner so früh wie möglich an einen Tisch holen wollten und geholt haben. Deshalb haben wir diese fünf Veranstaltungen gemacht, an denen immer beide Seiten beteiligt waren.

Viele beklagen, dass die Personalverantwortlichen oft nicht das nötige Ansehen im Unternehmen haben?
Richtig ist: Ihre Stimme muss mehr Gewicht bekommen. Wenn der Controller auf der dritten Führungsebene mehr zu sagen hat, als ein Personalvorstand, dann ist die demografische Herausforderung im Unternehmen nicht zu stemmen. Man muss aber auch sehen: Die Chemie-Branche hat 20 Jahre Restrukturierung, internationaler Wettbewerb, Senkung der Personalkosten hinter sich. Die Personalverantwortlichen sind zum größten Teil von dieser Zeit geprägt. Die können Sozialpläne. Heute stellen sich andere Fragen: Welche Bedeutung hat die Personalpolitik für ein Unternehmen? Wie wird es geführt?

Bei vielen Gewerkschaftern dürfte es nicht viel anders gewesen sein?
Das ist richtig. Damals ging es darum, den großen Restrukturierungsprozess in der chemischen Industrie sozialverträglich zu gestalten, also die Folgen des Verlusts von Tausenden von Arbeitsplätzen mit entsprechenden Instrumenten abzufedern. Das war die Herausforderung Nr. 1. Dem Erhalt des Arbeitsplatzes ist damals fast alles andere untergeordnet worden. An Demografie-Tarifverträge hätten wir nicht mal denken dürfen. Das heißt, die Gewerkschaften haben sich damals ganz andere Schwerpunkte gesetzt. Heute reden wir über Fachkräftemangel, über andere Schichtsysteme, über Gesundheit am Arbeitsplatz usw. Das Thema demografischer Wandel gehört zu den Top-3-Themen, wenn es darum geht: Sind wir zukunftsfähig und wie bleiben wir es?  

An QUADEMTA sind 15 Unternehmen beteiligt, wie wurden sie ausgesucht?
Wichtig war uns, dass die Unternehmen, genauer die betrieblichen Sozialpartner, das Thema wirklich angehen wollten. Wir wollten niemanden erst hintragen oder groß die Werbetrommel rühren. Die 15 Unternehmen, die mitgemacht haben, sind auf uns zugekommen und am Ende auch dabeigeblieben.

Für Ihren Landesbezirk bedeutet QUADEMTA viel Arbeit, der Fachsekretär ist oft in den Betrieben gewesen, hat mit Betriebsräten und Personalabteilungen zusammengesessen?
Demografie ist ein hochkomplexes Thema, dafür brauchen wir Betriebsräte und Personaler, die sich für dieses Thema engagieren, und auch mutig sind, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht erst das übermorgen betreffen. Unsere Bezirkssekretäre, die jeweils 30 - 40 Betriebe betreuen, können das in der Tiefe nicht leisten. Als wir QUADEMTA entwickelten, begann daher für mich eine neue Zeitrechnung. Jetzt stand die Frage im Raum: Wie können wir als Sozialpartner das sauber planen, was viele Betriebe als eine der größten Herausforderungen beschreiben? Wie können wir die richtigen Schwerpunkte setzen? Ich glaube, das haben wir ganz gut hinbekommen.

In allen QUADEMTA-Veranstaltungen stand das Thema Kommunikation immer am Anfang, egal ob es um betriebliches Gesundheitsmanagement, gesundes Führen oder alternsgerechte Arbeitsplatzgestaltung ging. Warum?
Ohne einen Bewusstseins- oder Kulturwandel ist die demografische Herausforderung gar nicht zu bewältigen, deshalb ist mir das Thema Kommunikation so wichtig. Um das zu verdeutlichen: Früher hieß es, gut, wir haben doch die Demografiefonds, nun seht mal zu, dass wir hier spätestens mit 60 rauskommen. Mit Themen wie Gesundheit, Arbeitsplatzgestaltung, Work-Life-Balance brauchte man unseren Kolleginnen und Kollegen nicht zu kommen. Alles wurde praktisch dem Thema Geld untergeordnet. Heute geht es darum, wie wir länger arbeiten können und möglichst gesund in den Ruhestand wechseln. Das meine ich mit Kulturwandel. Die Leute wissen inzwischen, dass alles schneller geworden ist, sich die Arbeitswelt verändert und sie sich auch verändern müssen.

Acht Jahre nach dem wegweisenden Demografie-Tarifvertrag ist das erstaunlich. Müsste die Brisanz des Themas nicht längst in jedem Kopf präsent sein?
Der Demografie-TV ist ein Meilenstein gewesen, weil er deutlich gemacht hat: Ja, es ist klug und weitsichtig, wenn sich die Sozialpartner, um dieses Thema kümmern. Der Demografie-TV hat die Richtung vorgegeben, aber selbstverständlich kein funktionierendes Konzept zur Bewältigung des demografischen Wandels enthalten. Außerdem: 2008 war das Jahr, als die Finanz- und Wirtschaftskrise losbrach. Viele Unternehmen kämpften ums Überleben, mussten Kurzarbeit anmelden. Da hatten sie weder die Zeit noch die Kraft, sich um das Thema Demografie zu kümmern. Und heute ist es so, dass vielen Unternehmen das Problem erst ins Bewusstsein tritt, wenn sie die Knappheit an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern richtig zu spüren bekamen. Wir wissen von Unternehmen, die dringend Chemielaboranten suchten, sie aber keine bekamen. Viele Betriebe meinten, sie müssten nicht selbst ausbilden, weil sich doch immer genug Leute fanden. Sie profitierten von Unternehmen wie BASF, die lange Zeit mehr junge Leute ausbildete, als sie selbst brauchte. Doch diese Quelle ist versiegt, weil BASF seinen Nachwuchs nun selbst braucht und ihn nicht mehr großzügig anderen überlassen kann.

Wie sieht es bei den Betriebsräten aus, wie bewusst ist ihnen das Thema Demografie?
Das steht bei ihnen ganz oben, und zwar mit sehr großem Abstand, wie jüngst unsere Betriebsräte-Umfrage zur wirtschaftlichen Lage im Vorfeld der Tarifverhandlungen gezeigt hat. Erst danach kommen Themen wie Strukturveränderungen, Energiepreise und gute Arbeit. Dieses Ergebnis hat sicher auch damit zu tun, dass in der Chemiebranche das Thema Demografie früher auf der Agenda stand als in anderen Branchen. Außerdem halten Instrumente wie die Demografiefonds das Thema aktuell. Sie konfrontieren die Betriebsräte und die Beschäftigten ständig mit der Frage, was mit diesen Fonds geschehen soll. Das Ergebnis der Umfrage unterstreicht für mich eindrucksvoll den kulturellen Wandel bei den Betriebsräten und Beschäftigten seit dem Jahr 2008. Heute ist es klar, dass der demografische Wandel zu den Kernthemen der Gewerkschaften gehört und nicht nur Fragen der Tarife und Arbeitsbedingungen.

QUADEMTA soll keine Eintagsfliege sein, sondern das Thema nachhaltig in den beteiligten Betrieben verankern. Der Hebel sind die Tandems. Wie funktionieren die?
Wir sagen Tandems dazu, andere nennen es den Arbeitskreis Demografie im Betrieb. Wichtig ist, dass es in allen Betrieben Strukturen zur Bewältigung des demografischen Wandels geschaffen werden und dass es jetzt eine gemeinsame betriebliche Agenda gibt.

Wie genau funktionieren die Tandems?
Genaugenommen sind die Tandems die Demografie-Verantwortlichen im Unternehmen. Wir haben sie Tandems genannt, weil die betrieblichen Sozialpartner gemeinsam miteinander fahren sollen. Ich finde, dass dieser Begriff gut in die Demografie-Debatte passt und die Ziele von QUADEMTA sehr gut zum Ausdruck bringt: „Holt beide Seiten der Sozialpartner zusammen, lasst sie gemeinsam eine Idee entwickeln, wie sie die Demografie-Themen im Betrieb anpacken wollen.“ Aber auch: welche Entscheidungen dafür nötig sind, was sie dafür an Budget und Leuten brauchen.

Sich um qualifiziertes Personal zu kümmern, sollte die Kernaufgabe eines Unternehmens und nicht die einer Gewerkschaft sein?
Wenn man genauer hinschaut, ist der demografische Wandel ein urgewerkschaftliches Thema. Im Kern geht es um die Humanisierung der Arbeit, eine Debatte, die irgendwann Mitte der 1980er-Jahre endete. Heute diskutieren wir ähnliche Themen, aber aus anderen Gründen. Als Gewerkschaft wollen wir doch, dass die Beschäftigten gut ausgebildet werden, dass sie sich im Unternehmen weiterentwickeln und weiterqualifizieren können, dass sie Beruf, Familie und Lernen vereinbaren können und an Arbeitslätzen stehen, die sie nicht krankmachen. Das alles sind urgewerkschaftliche Themen. Deshalb wollen wir den demografischen Wandel in den Betrieben aktiv gestalten. Das ist nach meinem Verständnis auch eine sehr nachhaltige und weitsichtige Strategie. Auch wenn der demografische Wandel bereits voll im Gange ist, stehen wir in gewisser Hinsicht erst am Anfang. Wir werden uns damit sicher noch die nächsten zehn bis 15 Jahre beschäftigen.

QUADEMTA soll nachhaltig wirken?
Man kann in Sachen demografischer Wandel vieles planen und organisieren. Ich glaube aber, dass es vor allem einen gemeinsamen Radar im Unternehmen braucht, also die Tandems oder die Arbeitskreise Demografie, die wir angeregt haben. Es gibt so viele Instrumente, Support, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen – das alles auf dem Radar zu haben und die jeweiligen Herausforderungen zu beantworten, wäre für mich der nachhaltige Teil des Projekts. Kurzum: Strukturen, Verantwortung, Idee, Plan, Radar. 

Qualifizierung zum Demografie-Tandem (Quademta)

Qualifizierung zum Demografie-Tandem - Akteure und Akteurskonstellationen alter(n)sgerechter: Dafür steht die Abkürzung QUADEMTA und ein anstrengendes Projekt. In 15 Betrieben, vom Großunternehmen bis zum Mittelständler, tauchte der Fachsekretär der IG BCE Rheinland-Pfalz/Saarland auf, diskutierte mit Betriebsräten und Personalabteilungen. Es ging immer wieder um Themen wie „alter(n)sgerechtes Arbeiten“, die „Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit“, „betriebliches Gesundheitsmanagement“ oder die „Vereinbarkeit von Arbeit und Leben“. Höhepunkt waren fünf Tagesseminare im ersten Halbjahr 2015, zu denen die Sozialpartner - die Arbeitgeberverbände und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie - gemeinsam eingeladen hatten.

Auf gutem Weg

Auch hier ging es um betriebliches Gesundheitsmanagement, gesundes Führen, die Gestaltung des demografischen Wandels usw. Es ging, aber auch um die Frage, wie solche Themen im Unternehmen zu kommunizieren sind. Das Ziel von QUADEMTA beschreibt Francesco Grioli, Landesbezirksleiter der IG BCE Rheinland-Pfalz/ Saarland so: „Strukturen zur Bewältigung des demografischen Wandels in Unternehmen zu schaffen“. Gemeint sind Demografie-Verantwortliche und Arbeitskreise Demografie im Unternehmen. Grioli spricht gern von Tandems, „weil die betrieblichen Sozialpartner gemeinsam miteinander fahren sollen.“ Denn „der demografische Wandel wird die Betriebe noch viele Jahre beschäftigen“, meint auch Dr. Bernd Vogler, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Rheinland-Pfalz e. V. Die Sozialpartner hätten das Thema frühzeitig erkannt. Viele Unternehmen stellten sich den demografischen Herausforderungen und seien auf gutem Weg.

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