Altersgemischte Teams sind produktiver

Dass ältere weniger produktiv als jüngere sind und den Wertschöpfungsprozess eines Unternehmens eher bremsen, ist nach wie vor eine weitverbreitete Meinung. Umfangreiche Studien zeigen jedoch: Diese Auffassung trifft vielfach nicht zu.

Der Automobilhersteller BWF beschäftigt 102.007 Menschen. Das Durchschnittsalter ist schon jetzt hoch und steigt weiter. Im Jahr 2017 „wird fast die Hälfte unserer Mitarbeiter älter als 50 Jahre alt sein“, sagte der Personalvorstand bei BMW, Harald Krüger, in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. Dennoch gilt der bayerische Autobauer als einer der rentabelsten Automobil-Hersteller.

Zweites Beispiel: Der Chemie-Konzern BASF beschäftigt weltweit 111.000 Mitarbeiterinnen. Am Firmensitz in Ludwigshafen sind 30.000 Menschen beschäftigt. Auch hier ist der Altersdurchschnitt hoch: Die Altersgruppe der 35-49jährigen macht 47 Prozent aus, der Anteil der über 50jährigen beträgt aktuell 34 Prozent, wird aber bis zum Jahr 2020 auf 57 Prozent steigen. Dennoch hat die BASF-Gruppe bei einem Umsatz von 73,5 Milliarden Euro im Jahr 2011 ein Ergebnis „vor Sondereinflüssen von etwa 8,4 Milliarden Euro“ erzielt. Diese wenigen Beispiele zeigen: Ältere Belegschaften müssen nicht weniger produktiv sein. Es gibt sogar starke Hinweise, dass eine gute Mischung jüngerer und älterer Beschäftigter die Produktivität erhöht.

Positive Produktivitätseffekte

Wie sich die Leistungsfähigkeit eines Betriebs verändert, wenn die Belegschaft älter wird, haben die Wissenschaftler Christian Göbel von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und Thomas Zwick von der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht.  Ihrer Studie liegt eine umfassende Stichprobe von sieben Millionen Beschäftigten in 8.500 deutschen Betrieben aus allen Branchen und Regionen aus den Jahren 1997 bis 2005 zugrunde. Göbel und Zwick errechnen, wie sich die Produktivität je nach der Altersstruktur eines Betriebs verändern kann. Sie zeigen, dass die Produktivität eines Betriebs steigt, wenn der Anteil der älteren Beschäftigten wächst. So erhöht sich beispielsweise die Produktivität eines Betriebs um gut 0,5 Prozent, wenn der Anteil der 45- bis 49-Jährigen an der Gesamtbelegschaft um einen Prozentpunkt zunimmt. Der positive Produktivitätseffekt bleibt auch ab dem Alter von 50 Jahren bestehen, fällt aber etwas geringer aus als bei den 45- bis 49-Jährigen.

Wer die Arbeitsanforderungen älteren Arbeitnehmern anpasst und die Arbeitsplätze entsprechend ausstattet, steigert auch ihre Produktivität. Und altersgemischte Arbeitsteams machen nicht nur ältere Beschäftigte produktiver, sondern auch jüngere. Das sind zentrale Ergebnisse der Untersuchung von Christian Göbel und Thomas Zwick.

Zusammenfassung der Studie (dt.), die ganze Untersuchung (engl.) 

Jüngere sind nicht grundsätzlich leistungsfähiger als Ältere

Dieses Ergebnis unterstreicht, dass das Bild einer grundsätzlich höheren Leistungsfähigkeit von Jüngeren nicht zutreffend ist. Im Gegenteil: Bis zu einem relativ fortgeschrittenen Alter liegt in der Studie der positive Produktivitätseffekt der jüngeren Beschäftigten im Durchschnitt signifikant unterhalb der Werte der älteren Kolleginnen und Kollegen. Dieses Ergebnis gilt nicht nur für einzelne Branchen, in denen Ältere besonders produktiv eingesetzt werden können. Im Gegenteil: Der Produktivitätsverlauf ist im verarbeitenden Gewerbe und bei den Dienstleistungen sehr ähnlich. In einer weiteren Untersuchung aus dem Jahr 2010 kommen die beiden Wissenschaftler zu dem Ergebnis:

„Wir finden, dass eine Anpassung der Arbeitsanforderungen und eine spezielle Ausstattung der Arbeitsplätze älterer Arbeitnehmer mit einer signifikant höheren Produktivität älterer Arbeitnehmer verbunden sind. In Betrieben mit altersgemischten Arbeitsteams ist nicht nur die Produktivität älterer Beschäftigter höher – auch jüngere Beschäftigte haben eine höhere relative Produktivität. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es starke positive Ausgleichseffekte zwischen Altersgruppen gibt, die durch altersgemischte Teams aktiviert werden.“

Auch Professor Axel Börsch-Supan und Dr. Matthias Weiss haben in einer Fallstudie aus der Fahrzeugindustrie festgestellt, dass die Produktivität von Arbeitskräften mit steigendem Alter nicht zurückgeht.  Sie führen das vor allem auf die größere Berufserfahrung Älterer zurück, die u. a. bei der Vermeidung von Fehlern hilft. Auch Studien aus anderen Ländern bestätigen die Erkenntnis, dass Ältere nicht weniger produktiv sind als Jüngere.

Die Produktivität hängt von der ausgeübten Tätigkeit ab

Im Durchschnitt über alle Betriebe stellten Uschi Backes-Gellner und Stephan Veen keinen Einfluss altersgemischter Teams auf die Produktivität fest. Erst bei der Differenzierung zwischen Betrieben mit vorwiegend Routinetätigkeiten und solchen mit kreativen Tätigkeiten werden deutliche Unterschiede sichtbar. In Bereichen wie etwa den unternehmensnahen Dienstleistungen, in denen kreative Tätigkeiten überwiegen, nimmt die Produktivität in Folge altersgemischter Teams zu. In Bereichen, die von Routinetätigkeiten geprägt sind, etwa in der Schwerindustrie und in der öffentlichen Verwaltung, führen altersgemischte Teams dagegen zu einer Verminderung der Produktivität.

Auf die Qualifikation kommt es an

Wie kommen diese unterschiedlichen Effekte zustande? Welche Fähigkeiten Älterer und Jüngerer sind für diese Ergebnisse verantwortlich? Nach Aussagen von Personalverantwortlichen zeichnen sich Ältere vor allem durch Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Disziplin aus, während die Jüngeren eher bei Lernfähigkeit und Flexibilität punkten. Dies war auch das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2004 von Bernhard Boockmann und Thomas Zwick. Auch dabei zeigt sich, dass nicht nur das Alter, sondern auch die Art der Tätigkeit und das Arbeitsumfeld eine große Rolle spielen. Für die Frage der Leistungsfähigkeit ist somit zunehmend weniger das biologische Alter von Bedeutung, sondern auch die Qualifikation, der Gesundheitszustand und andere Faktoren, die den Verlauf der Produktivität beeinflussen.

Fazit: Es lohnt sich für Betriebe, darüber nachzudenken, wie sie das vorhandene Potenzial älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer besser mobilisieren können.

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Die neuen, fitten Alten

„Die 55-Jährigen von gestern sind die 65-Jährigen von heute.“ Axel Börsch-Supan, Direktor des Münchner Zentrums Ökonomie und Demogra-phischer Wandel (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik

Genug Fachkräfte

„Es gibt genügend Fachkräfte, zum Beispiel unter den älteren Beschäftigten. Man muss sich nur um sie kümmern und sie nicht abschreiben.“
Christian Stamov-Roßnagel, Professor am Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development der Jacobs University in Bremen

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