„Eine gute Mischung“

Sie heißt Frauke Jacob, ist angehende Doktorandin der Chemie und 25 Jahre alt, er heißt Peter Schalke ist Betriebsleiter bei Ineos Paraform GmbH & Co. KG in Mainz und jetzt 64. Sie kommt frisch von der Uni, ist fit in der „reinen Forschung“. Er ist ein Betriebspraktiker und verfügt über ein Wissen, von dem Frauke Jacob sagt: „Das kann man sich nirgendwo anlesen.“


Peter Schalke erinnert sich, als er selbst frisch von der Uni ins Berufsleben trat. Damals lernte den jungen Chemiker ein im Dienst ergrauter Ingenieur an. „Wissenstransfer ist  eigentlich nichts Neues“ meint Schalke, „es ist heute nur wichtiger und muss daher stärker betont werden.“ Für ihn ist das eine gute Mischung – Erfahrung und jugendlicher Ansporn. Wissenstransfer zwischen alt und jung/jung und alt? Altersgemischte Teams? Noch ist das keine große Sache bei Ineos Paraform, aber „das Thema Demografie erwischt auch uns“, sagt Geschäftsführer Torsten Dittmer.

Vor allem eine Frage der Teamfähigkeit

Aktuell haben 8 Prozent der 150 Beschäftigten einen Anspruch auf Altersfreizeit, in fünf Jahren werden es 22 Prozent sein. Dann dürfte die Frage des Wissenstransfers neu gestellt werden. Torsten Dittmer sieht Ineos dafür gut vorbereitet. Er meint, dass Wissenstransfer vor allem eine Frage von Teamfähigkeit und nicht von Jung und Alt ist. Dittmer: „Wenn Leute motiviert und nicht frustriert sind, haben sie auch eine größere Bereitschaft, Wissen zu teilen.“ Und Teamarbeit ist heute wichtiger denn je, findet Peter Schalke. Seine Begründung: „Viele Sachverhalte sind heute zu komplex geworden, als dass sie einer allein bewältigen könnte.“

Die Teamarbeit scheint „im Team Jung und Alt", wie Peter Schalke es nennt, besonders gut zu funktionieren. Als Grund führt der Chemiker an: „Es gibt kein Konkurrenzdenken, das bei jungen Gleichaltrigen oft die Teamarbeit stört.“ Denn anders als der Nachwuchs muss Peter Schalke nicht mehr an seine Karriere und daran denken, „dass man sich gegenüber anderen auszeichnen muss“.

Im Studium fehlt die Praxisnähe

Ähnlich sieht es Frauke Jacob. Ihr fehlte während des Studiums die Praxisnähe, weil es in der Universität um Forschung geht. „Im Studium“, erzählt sie, „hatten wir nur einen kleinen Anteil an technischer Chemie, nur eine Vorlesung überhaupt.“ Fragen, wie sich Laborergebnisse in eine großtechnische Produktion übertragen lassen, Kosten und Erträge sowie mögliche Umweltauswirkungen – „all das fällt in der Uni unter den Tisch“, sagt sie. In Mainz bei Ineos kann sie diese Lektionen lernen. „Hier habe ich den Versuchsaufbau zur Gewinnung hochreinen Cyanats“, sagt sie stolz.

Torsten Dittmer kennt diesen Konflikt: „Die Unis haben einen anderen Auftrag, sie betreiben Grundlagenforschung.“ Dagegen haben KMUs wie Ineos Paraform keinen großen Forschungsetat. Und wenn sie forschen, tun sie es sehr „praxisnah“ mit dem Ziel eine Anwendung vom Labor in die große Anlage (Produktion) zu bringen. Ineos hat 150 Beschäftigte, die vor allem Methanol-Derivate für die Kunststoff- und Agrochemie-Industrie sowie Lebensmittelindustrie produzieren.

Mittelständler stellen sich auch andere Fragen, meint Torsten Dittmer: „Wie entwickeln wir uns weiter? Wo wollen wir in 20 Jahren stehen?“ Vor zwei Jahren hat Ineos einen Prozess der Standortsicherung eingeleitet. Ein Ziel: Verstärkt biogene Produkte zu entwickeln. „Damit sind solche Produkte gemeint, die auf natürlichen, nachwachsenden Rohstoffen basieren, also nicht auf Öl-Basis“, erklärt Firmenchef Torsten Dittmer. Ein Ergebnis ist Solvalid, ein biogenes Lösungsmittel, mit dem sich Nagellack und Tapeten entfernen lassen.

Schutzbrillen sind ein Muss

Von der langjährigen Erfahrung der „Alten“ können junge Leute profitieren. Davon ist Peter Schalke überzeugt. Auch wenn es um Sicherheit geht. Viele Stoffe in der Mainzer Produktion von Ineos Paraform sind giftig, leicht entzündlich oder haben andere Gefahrenmerkmale. „Da ist es wichtig, dass jemand aufpasst“, sagt Schalke, auch auf Kleinigkeiten, wie beispielsweise, dass im Labor Schutzbrillen getragen werden, „und zwar immer“, betont Peter Schalke. Firmenchef Torsten Dittmer hält viel von Lernen aus Erfahrung. „Der Transfer von Erfahrung verkürzt die Wissensaneignung“, sagt er. Er nennt das auch Effizienzsteigerung des Lernens. Außerdem spielt Erfahrungslernen heute in der Fortbildung von Führungskräften eine größere Rolle. Frauke Jacob pflichtet ihm bei. „Es ist schwer, in so kurzer Zeit Erfahrung zu sammeln.“ Für sie ist „Erfahrung ein Wissen, dass man gar nicht anders erwerben kann, als dadurch, „dass erfahrene Kollegen junge Leute anleiten.“

Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße

Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße. Peter Schalke weiß, dass seine junge Kollegin in Sachen Wissenschaft topfit ist. Er findet anerkennende Worte: „Was Forschung betrifft, haben sie einfach mehr drauf als wir Praktiker“, sagt er und ergänzt: „Ich würde mich heute nicht mehr ins Labor stellen.“ Manchmal können die Anekdoten der Altvorderen nerven. Diese Erfahrung hat Frauke Jacob auch schon gemacht. Zum Beispiel, wenn Peter Schalke die schauerliche „Story mit der Schwefelsäure“ erzählt und was passieren kann, wenn man da hineinfällt. Dann schlägt Frauke Jacob schon mal die Hände über den Kopf zusammen und ruft: „Bitte nicht schon wieder.“

Wissenstransfer zwischen Jung und Alt sagt sich leicht, kann aber gründlich schiefgehen. Damit der Wissensfluss nicht stockt, rät Peter Schalke den „Alten“ folgende Kardinalfehler zu vermeiden:

  • Besserwisserei
  • Informationen zurückhalten und „Herrschaftswissen“ pflegen
  • Ständiges kontrollieren wirkt misstrauisch
  • Mitarbeiter übergehen Entscheidungen ohne ihn fällen und ihn darüber nicht oder nur ungenügend informieren
  • Entscheidungen nicht begründen, jederzeit Diskussion zulassen
  • Mitarbeiter ausgrenzen, vor Kollegen kritisieren
  • Aufgaben nicht abgeben können („Bevor der Junge das langsam erledigt, habe ich es selbst schon zweimal gemacht“)

Doch auch die „Jungen“ sind nicht ohne Fehl und Tadel, findet Frauke Jacob. Sie rät ihren Studienkollegen im Betriebsalltag:

  • Alle Abläufe/Zuständigkeiten mit übergroßem Ehrgeiz ändern („verbessern“) wollen
  • Bessererwisserei („Wir müssen es ja wissen, kommen wir doch frisch von der Uni“)

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