Best Practise: Der richtige Dreh

Viele ältere Beschäftigte tun sich schwer, ihre routinierten Arbeitsschritte niederzuschreiben und am PC zu dokumentieren. Sie sind es gewohnt, sich mit ihren Kollegen mündlich auszutauschen. Damit ihr wertvolles Erfahrungswissen nicht verloren geht, initiierte der Reifensteller Michelin in Bad Kreuznach mit der CSSA ein Modellprojekt. Ergebnis: Michelin fand beim Thema Wissenstransfer einen neuen Dreh – das Unternehmen schaffte eine Kamera für Videodokumentationen an.

Dass Kameras heute immer zur Hand sind (Smartphone), daran haben sich die meisten Leute gewöhnt. Dass aber seit Kurzem in der Instandhaltung von Michelin in Bad Kreuznach jemand mit einer Kamera um den Kopf erscheint und filmt, mit welchen Kniffen er Anlagen in Ordnung bringt und warum er welchen Knopf drückt, das ist bei Michelin sozusagen der neueste Dreh. Wie Personalchef Peter Kubitscheck, Betriebsrat Uwe Kumpa sowie der Chef eines Instandhaltungsbereiches, Werner Nick, erklärten, hat diese Idee eine Vorgeschichte.

Wertvolles Erfahrungswissen

Wie viele andere Unternehmen stand auch Michelin vor der Frage: Wie können wir das wertvolle Erfahrungswissen älterer Mitarbeiter im Betrieb halten? Dazu muss man wissen: Die Beschäftigten arbeiten gern bei Michelin, dafür spricht die hohe Betriebszugehörigkeit von durchschnittlich über 20 Jahren. Andererseits: Die Belegschaft ist im Mittel 46 Jahre alt. Was das heißt, fasst Peter Kubitscheck in einem Satz zusammen: „Sehr viele ältere Mitarbeiter verlassen uns in den nächsten Jahren.“ Und mit jedem Beschäftigten verliert Michelin wichtiges Wissen. Besonders betroffen ist die Instandhaltung. Von den aktuell 250 Leuten in dieser Abteilung „gehen zehn Prozent in den nächsten drei bis vier Jahren raus“, sagt Werner Nick. Die Nachfolger brauchen normalerweise „zwei bis drei Jahre in ihrer Tätigkeit, bis sie voll operativ und kompetent sind“, sagt Werner Nick. Doch so viel Zeit bleibt nicht. Damit die Erfahrungen der Älteren dennoch im Unternehmen bleiben, initiierte Michelin mit Unterstützung der CSSA im Frühjahr 2014 ein Modellprojekt in der Abteilung Instandhaltung. Arbeitstitel: Erfolgsfaktoren altersgemischter Teams.

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Die Jungen schätzen die langjährige Erfahrung der „Alten“

Die Ziele des Projekts beschreibt der Projektleiter und Lernexperte Professor Christian Stamov-Roßnagel von der Jacobs University in Bremen so: „Welche Einstellungen zum Alter und welche Altersbilder haben die Abteilungsmitglieder und wie lassen sie sich gegebenenfalls verändern? Und welche Fähigkeiten braucht es für einen erfolgreichen Wissenstransfer?“

Dafür wurden 23 Beschäftigte aus dem Instandhaltungsteam Normal- und Schichtbetrieb ausführlich befragt. Ergebnis: Die Jungen schätzen die „langjährige Erfahrung und die Kenntnisse“ der „Alten“, sie sind davon überzeugt, dass die Firma „von der Erfahrung aller Mitarbeiter lebt“. Dass das Verhältnis von Jung und Alt nicht ganz ungetrübt ist, versteht sich von selbst. Aber, und das ist entscheidend: Die Zusammenarbeit, das Miteinander zwischen Alt und Jung bei Michelin funktioniert gut und es gibt praktisch „keine negativen Altersbilder“. Denn diese „Vorurteile“ können den Erfolg und die Arbeit altersgemischter Teams entscheidend hemmen.

Bei Michelin gibt es praktisch „keine negativen Altersbilder“

Natürlich hat Michelin ein modernes Dokumentationssystem, das sogenannte Instandhaltungsprogramm BMA (Business Maintenance Assistent), das im Jahr 2014 unternehmensweit eingeführt wurde. Dank des BMA wissen die Instandhalter, welche Reparaturen wann gemacht wurden. Sie können Stillstände der Maschinen für Wartungsarbeiten langfristig planen und haben einen Überblick über den Bestand im Ersatzteillager. Ein weiterer Vorteil: Das BMA ist per Notebook oder Pad immer über W-Lan zugänglich. „Das erspart uns weite Laufwege im Betrieb zum nächsten Rechner“, sagt Werner Nick. Aber es gibt auch ein Problem. Viele Instandhalter tun sich schwer damit, aufzuschreiben, was und wie etwas zu tun ist. „Es ist mitunter schwer die Kollegen dazu zu kriegen, dass sie die Prozesse im BMA ausführlich dokumentieren“, sagt Werner Nick.

Kamera mit Köpfchen

Und so kam die Kopf-Kamera ins Spiel. Sie erweist sich als gute Lösung. Denn etwas zeigen und vor Ort erklären, etwa wie man eine Anlage einstellt, fällt den besagten Kollegen leichter. Und die Kamera stört nicht, ist leicht und fällt kaum auf. Auf die Videos können die Mitarbeiter wiederum ohne Probleme vom BMA aus zugreifen. Jung und Alt werten dann gemeinsam das Videomaterial aus: Der Jüngere dokumentiert schriftlich die wichtigsten Punkte (bei Zweifeln kann er sich direkt beim Älteren rückversichern), und der Ältere merkt an, ob der Jüngere es verständlich genug erklärt hat. Dieses Voneinanderlernen finden Peter Kubitscheck und Werner Nick besonders gut. „Der Ältere erklärt die Zusammenhänge, wie eine Maschine funktioniert, und der Jüngere unterstützt ihn dabei, mit dem PC umzugehen“, sagt Nick. So kämen die unterschiedlichen Fähigkeiten am besten zum Tragen.

Für Peter Kubitscheck, Uwe Kumpa und Werner Nick hat das CSSA-Projekt eine wichtige Erkenntnis gebracht. Jeder lernt anders. Älteren fällt es leichter, eine Sache zu zeigen, Jüngeren ist der Umgang mit Pads und PCs vertraut. Peter Kubitscheck sieht in diesem Ergebnis einen großen Erfolg. „Das Modellprojekt mit der CSSA hat andere Formen der Dokumentation in unseren Fokus gerückt, wie zum Beispiel Videos.“ Als Fazit zieht der Personalchef: „Wir werden noch zielgerichteter als bisher auf die jeweiligen Lernbedürfnisse eingehen.“

Noch mehr auf die Lehrnbedürfnisse eingehen

Dazu besteht Anfang 2016 Gelegenheit. Dann soll das Projekt weitergehen. In der Abteilung will Michelin dann „Erfolgsbotschafter“ gewinnen, die den Kollegen den Nutzen von Wissenstransfer verdeutlichen und so das Thema breit verankern sollen. Denn so weiß der Projektleiter Christian Stamov-Roßnagel: „Wenn erstmal ein Team um die Bedeutung von Wissenstransfer weiß, funktioniert es gleich viel besser.“

Die Fakten

Unternehmen
Michelin gehört zu den vier führenden Reifenherstellern in der Welt. Alljährlich verlassen rund 178 Millionen Reifen aller Art die weltweit 68 Produktionsstandorte (Beschäftigte weltweit: 112.300). Seit 1966 produziert Michelin in Bad Kreuznach, inzwischen ist der Reifenhersteller der „größte industrielle Arbeitgeber der Stadt“ (50.000 Einwohner). Beschäftigte (2015): 1.470 Menschen, davon  63 Auszubildende. 

Aufgabe
Das Durchschnittsalter der gewerblichen Beschäftigten in Bad Kreuznach – 46,30 Jahre – liegt rund vier Jahre über dem Mittel in der Chemiebranche von 42,7 Jahren. Michelin stand daher vor der Frage: Wie kann das wichtige Erfahrungswissen älterer Mitarbeiter für die nachwachsende Generation gesichert und der Wissensaustausch in altergemischten Teams erfolgreich gestaltet werden?

Lösung
Ein Modellprojekt in der Abteilung Instandhaltung (23 Mitarbeiter) sollte zwei wichtige Fragen beantworten: Welche Einstellung zum Alter haben die Beschäftigten in der Instandhaltung? Und welche Fähigkeiten (Kompetenzen) brauchen sie, um ihr Wissen so weiterzugeben, dass die jüngeren es verstehen und anwenden können?

Nutzen/Ergebnisse

  • Die Mehrheit der Mitarbeiter findet es gut, in altersgemischten Teams zusammenzuarbeiten.
  • Älteren ist bewusster, wie wichtig altersgemischte Teams sind.
  • Videodokumentationen erleichtert es, Tricks und Kniffe in der Instandhaltung zu zeigen.
  • Besseres Eingehen auf die Lernbedürfnisse von jüngeren und älteren Beschäftigten

 

 

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