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16.11.2012 11:37 Alter: 6 yrs

Kooperation für mehr Sicherheit

Für die Deutschen Gasrußwerken (DGW), Hersteller von Industrieruss in Dortmund, ist Arbeitssicherheit Baustein eines gelebten Unternehmensleitbilds. Ihr Kern: Offenheit, Respekt, Vertrauen und Wertschätzung.



Manchmal sind es nur Kleinigkeiten. Die Handläufe etwa. Alle Mitarbeiter sollen sie benutzen, immer, treppauf und treppab. Damit es niemand vergisst, erinnern Schilder auf den Stufen daran: Handläufe benutzen. Das mag manchem übertrieben erscheinen. Nicht bei den Deutschen Gasrußwerken (DGW) in Dortmund. Für das Carbon Black-Werk ist Arbeitssicherheit Baustein eines gelebten Unternehmensleitbilds. Ihr Kern: Offenheit, Respekt, Vertrauen und Wertschätzung.

Klar doch, dass Sicherheit groß geschrieben wird – wer würde das nicht betonen. Erst recht in der chemischen Industrie. Aber: Wie macht man das? Wie bringt man die Mitarbeiter dazu, dass Sicherheit Alltag im Werk wird? Zunächst muss man wissen: Die Arbeit in der DGW ist nicht ohne. „Wir haben hier erhebliche Gesundheitsrisiken“, sagt Dr. Hans-Dieter Kahleyß, der bis Juni 2012 Geschäftsführer dieser Firma war. Die DGW produziert einen Stoff, ohne den kein Auto auskommt: Ruß als Verstärkerfüllstoff (Rubber Black) stabilisiert Reifen, er macht 30 Prozent des Gewichts der Pneus aus. Alljährlich brauchen die deutschen Reifenhersteller 350.000 Tonnen Ruß. Fast ein Drittel dieser Menge, nämlich 115.000 Tonnen produzieren die 190 Beschäftigten der DGW. Ruß wird vor allem aus der Verbrennung von Öl gewonnen. „Unser Rohstoff ist gesundheitsschädlich“, sagt Kahleyß, „deshalb sind wir auch ein Störfallbetrieb.“ Außerdem entsteht im Produktionsprozess Kohlenmonoxid, das wegen seiner Giftigkeit sofort in einer Stromerzeugungsanlage umweltfreundlich verbrannt wird.

Gefragt: Experten vor Ort

Soviel zum Hintergrund. Sicherheit setzt bei der DGW sozusagen an der Basis an. „Wir nutzen das Expertenwissen der Betroffenen vor Ort“, sagt Walter Blümel. Er ist Sicherheitsfachkraft und Betriebsrat bei der DGW. Blümel weiß, dass die Beschäftigten, besser als jeder andere, ihre Tätigkeit kennen. „Und wir trauen ihnen auch zu, dass sie ihren Job am besten machen“, meint Blümel. Allerdings: Zusätzliches Wissen in Sachen Sicherheit ist nötig. Deshalb gibt es bei der DGW seit einigen Jahren das USGQ-Team (Umwelt, Sicherheit, Gesundheit, Qualität). Es ist nur eins von vielen Teams bei der DGW. Bereiche, Abteilungen hat der Dortmunder Rußhersteller gegen eine Prozessorganisation und Prozessteams abgelöst, ob für Ausbildung, Produktion, Technik Produktionsplanung, Versand oder Aufträge. Das Besondere: „Die Teams setzen sich bereichs- und Hierarchie übergreifend zusammen“, betont Geschäftsführer Kahleyß. Das heißt: Der Leiter eines Bereichs kann sich gleichberechtigt neben dem Laboranten oder Azubi wiederfinden. „Das Ding funktioniert“, sagt Kahleyß.

Mit der richtigen Brille die Augen schützen

So auch beim Prozessteams USGQ. Die Team-Mitglieder tauschen sich regelmäßig untereinander aus und beraten die Mitarbeiter, geben Tipps: Welche Schutzbrille muss man bei welcher Tätigkeit tragen? Geht es um mechanische Funken oder Infrarotstrahlung? „Da helfen wir den Leuten, damit sie nicht irgendeine, sondern die richtige Brille tragen“, sagt Blümel. Sicherheitsrisiken gibt es reichlich. Das kann der stockende Informationsfluss beim Schichtwechsel sein (bei der DGW wird in vier Schichten rund um die Uhr gearbeitet), der Bruch eines Hammerstiels, Hitze und Druck (Tragen von Schutzkleidung), Besteigen von Leitern (Absturzgefahr), giftige Stoffe (wie Kohlenmonoxid), Wechsel von Antriebsriemen in Apparaten.

Regelmäßige Job-Safety-Analyse

Um ihnen beizukommen, hat die DGW vor rund zehn Jahren die sogenannte Job-Safety-Analyse (JSA) für etwa 180 wiederkehrende Arbeitsschritte entwickelt. Das funktioniert so. Die Mitarbeiter, in ihrer Funktion als Experten ihrer Arbeit, beschreiben ihre Tätigkeiten, den Ablauf. Ein erwünschter Effekt: „Sie machen sich dabei auch Gedanken darüber, wo Gefährdungen lauern, wie sie zu bewerten sind und wie sie sich schützen können“, sagt Blümel. Die JSA schärft so die Wahrnehmung für die Sicherheitsrisiken. „Und das viel wirksamer als bloße Belehrungen oder der Hinweis auf Gesetze“, ergänzt Kahleyß. Die Job-Safety-Analysen werden alljährlich wiederholt, auch zur Prüfung, ob sie noch aktuell sind. Ein weiterer wichtiger Baustein der Sicherheitsphilosophie: die Führungskräfte. Für den Geschäftsführer ist Sicherheit auch eine Managementaufgabe. Die Führungskräfte müssen Sicherheit vorleben. Deshalb werden sie bei der DGW „daran gemessen, wie gut und erfolgreich wir im Arbeitsschutz sind“, sagt Kahleyß. Kommt es dennoch zu einem Unfall, müssen die Vorgesetzten der Geschäftsleitung Rede und Antwort stehen, erklären, warum er nicht vermieden werden konnte. Die Folge: Die Führungskräfte nehmen das Thema Arbeitssicherheit sehr ernst, sind Vorbilder.

Ehrgeizige Ziele

Die DGW hat ehrgeizige Ziele: „Wir wollen das beste Carbon Black Werk sein“, sagt Kahleyß. Das schließt auch Kosteneffizienz ein. Ein Konflikt mit Sicherheit? „Nein“, antwortet er entschieden und verweist auf die Regel 9 der „10 Grundregeln der Arbeitssicherheit“. Sie lautet: Kein Auftrag ist so dringend und wichtig, dass wir nicht die nötige Zeit haben, ihn sicher durchzuführen. Das sei eine Selbstverpflichtung der Führung und der Mitarbeiter. Einen Konflikt gebe es nicht oder vielmehr nur dann, wenn jemand verunglücken würde. „Dann“, sagen Kahleyß und Blümel einhellig, „dann hätten wir echt Zeit- und Kostendruck.“

Die DGW in Zahlen:

Die KG Deutsche Gasrußwerke GmbH & Co, gegründet 1936, ist ein Gemeinschaftsunternehmen. Die Anteilseigner sind Orion Engineered Carbons (54 Prozent), Continental (34 Prozent), Pirelli (7 Prozent), Goodyear (3 Prozent) und Vorwerk Autotec (2 Prozent).

  • Mitarbeiter: 173 Mitarbeiter, davon 20 Auszubildende
  • Umsatz in 2011: 140 Mio. Euro (2010: 122 Mio. Euro)
  • Unfallfreie Tage: genau 1.070 bis zum 31.12. 2011
  • Qualitätsmanagement: 5 Jahre ohne Kundenreklamation, d. h. mehr als 500.000 t Rohstoffe für die Reifenindustrie wurden fehlerfrei hergestellt und geliefert.

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