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Für den Wandel gerüstet

83 Prozent aller Erwerbstätigen in der Chemiebranche bewältigen jeden Tag Komplexität, Unwägbarkeiten und Wandel. Das hat Sabine Pfeiffer vor Kurzem in einer Sonderauswertung für die CSSA festgestellt.

Die Chemie-Industrie liegt damit deutlich über dem Durchschnitt aller Beschäftigten (74 Prozent) in Deutschland und ähnlich hoch wie die Vorzeigebranche des digitalen Wandels, Automobil (84 Prozent). Die Professorin für Arbeits- und Industriesoziologie habe das nicht überrascht: „Man kann hier sehen: Je dynamischer und technologischer eine Branche ist, desto höher sind diese Werte.“ Und erst recht, wenn verschiedene Arten an Technologie zusammenkämen, also IT- und produktionstechnisches Know-how. Aber heißt das nun, die Chemie-Industrie ist für den digitalen Wandel gerüstet und kann sich bequem zurücklehnen? Ganz so einfach ist es womöglich nicht.

Um den bedrohlichen Untergangsszenarien über mögliche Jobverluste entgegenzusetzen (siehe Osborne/Frey) und Routine- von Nichtroutinetätigkeiten besser unterscheiden zu können, entwickelten die Soziologinnen Prof. Dr. Sabine Pfeiffer und Dr. Anne Suphan von der Universität Hohenheim den Arbeitsvermögensindex (AVI). Andere sprechen hier auch von informellen Kompetenzen oder Arbeitserfahrung. Der AVI misst jedoch nicht die Fähigkeiten oder Intelligenz eines Menschen. Er fragt danach, wie hoch der Anteil der Nichtroutinetätigkeiten an seiner Arbeit ist und macht damit versteckte Kompetenzen sichtbar.

Automatisierung führt oft zu Höherqualifizierung bei Facharbeitern

Natürlich kann man sagen: Je gleichförmiger eine Tätigkeit ist, desto leichter ist sie durch Maschinen ersetz- und automatisierbar. So geschieht es in der Automobilindustrie. Jedoch sollte Routine nicht zum einzigen und ausschlaggebenden Kriterium gemacht werden. Pfeiffer: „Neue und komplexe Techniken ersetzen nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern verändern meist ganze Arbeitsprozesse.“ Für die Beschäftigten hieße das: Sie erledigen eine andere Arbeit. Und oft genug eine, die höhere Anforderungen an sie stellt.

Die Chemie-Industrie sei nach Meinung von Sabine Pfeiffer ein gutes Beispiel dafür, wie Automatisierung zu Höherqualifizierung der Beschäftigten führt: „Als die Leitwartentechnik kam, wurde der Beruf des Anlagenfahrers geschaffen, weil die bisherigen Qualifikationen nicht ausreichten.“ Die Beschäftigten brauchten also mehr Wissen und Können als vorher und nicht weniger. Denn: „Die Menschen am Band müssen bei einem Qualitätsaudit die Produkte und Prozesse kennen und verstehen, sie müssen wissen, was an der Station vorher und nachher passiert.“ Anders ausgedrückt: Sie müssen das ganze Umfeld bedienen und darauf reagieren können. Daher sei es falsch, hier Routinetätigkeiten zu unterstellen.

Chemiebeschäftigte für kommende Herausforderungen gut gewappnet

Was den hohen Facharbeiteranteil angeht, so ist sich Sabine Pfeiffer sicher, dass die Beschäftigten in der Chemiebranche gut für den digitalen Wandel gerüstet sind: „Im Maschinenbau konnten wir in einer Studie eindeutig zeigen: Egal ob bei Themen wie 3-D-Drucker, Industrie 4.0 oder Software-Kenntnisse – in Unternehmen, wo die meisten Beschäftigten auf Facharbeiterniveau arbeiten, ist die Lage nicht dramatisch.“ Hier könne man die Mitarbeiter durch betriebliche Weiterbildung auf den Stand der jeweils neuesten Technik bringen. Entspannt zurücklehnen kann man sich vielleicht nicht. Aber: Die Chemiebeschäftigten sind für die kommenden Herausforderungen in jedem Fall besser gewappnet als andere Branchen. Pfeiffer sieht darin ein Pfund, mit dem mehr gearbeitet werden müsse. Wenn neue Software entwickelt wird oder Computer programmiert werden, müssten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Erfahrungswissen von Anfang an mit einbezogen werden. Die Chemie-Industrie besitzt ein enormes Potenzial – es muss nur genutzt werden.

Osborne/Frey: Die Zukunft der Beschäftigung

Es gibt wohl kaum eine Schrift, die so viel Beunruhigung in die Debatte um die Digitalisierung der Arbeitswelt getragen hat, wie die Studie von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne über die „Zukunft der Beschäftigung“. In der 72 Seiten starken Studie vom September 2013 entwerfen die beiden Wissenschaftler von der Oxford Universität in England ein düsteres Szenario: 47 Prozent aller Jobs in den USA sind hochgradig (zu 70 Prozent) automatisierbar und folglich durch die Digitalisierung bedroht.

Frey und Osborne hatten 702 Berufe daraufhin untersucht, wie stark sie Gefahr laufen, von Computern ersetzt zu werden. Entscheidend ist für die beiden der Anteil von Routinetätigkeiten, die ebensogut Maschinen erledigen können, und Nichtroutinetätigkeiten, die aktuell nicht in „Computercodes“ übersetzbar sind. Berufe wie Gesundheits- und Sozialarbeiter (Healthcare Social Workers), Personalleiter (Human Resources Managers) oder Bio-Chemiker (Biochemists and Biophysicists), die am Anfang der Liste stehen, können auch künftig Maschinen nicht erledigen. Dagegen müssen am Ende der Liste selbst Taxifahrer, Metzger (Butchers and Meat Cutters), Controller (Budget Analysts) oder Telefonverkäufer (Telemarketers) befürchten, schon bald von Computern verdrängt zu werden.

Kritiker werfen den beiden Wissenschaftlern vor, dass sie den Anteil der Routinetätigkeiten maßlos überschätzen. Außerdem verändere die Digitalisierung ganze Wirtschaftslogiken und Wertschöpfungssysteme und schaffe so auch neue Arbeitsplätze: Bis zum Jahr 2030 könnten in Deutschland etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätze verlorengehen, hat das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) errechnet – aber an anderer Stelle fast ebenso viele neu entstehen.

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