Start > Innovative Praxis 2017 > Innovative Praxis 2017

Sozialpartner sind die Experten für Veränderungen in der Arbeitswelt

Spiegel-Titelseite 1978 (Fotos: Spiegel-Verlag)
Spiegel-Titelseite 2016

Etwas läuft schief in der öffentlichen Diskussion über Industrie 4.0. Sie stellt die Informationstechnik (IT) einseitig in den Vordergrund und wird von der Frage bestimmt, wie viele Menschen durch Computer und Roboter ersetzt würden. Beides lenkt davon ab, dass die Beschäftigten in der Industrie über ein immenses Potenzial an Gestaltungswissen verfügen - und Untergangsszenarien haben sich zum wiederholten Male nicht bewahrheitet (siehe Titelblätter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel" von 1978 und 2016).

Zur Verunsicherung, dass Arbeitsplätze in Millionenhöhe verloren gehen könnten, trug vor allem die Studie der englischen Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne bei, die das Automatisierungspotenzial von rund 700 Berufen in den USA untersucht hatten. Ihr Befund: 47 Prozent aller Arbeitsplätze seien über kurz oder lang gefährdet. Tatsächlich jedoch setzen „neue Technologien nicht unbedingt Leute frei, sondern verändern vor allem ihre Tätigkeiten“, sagt Dr. Ulrich Zierahn vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Bonn. Was noch vor Kurzem wie Science-Fiction klang, dürfte schon bald Wirklichkeit in den „vernetzten, agilen und flexiblen Fabriken“ der Zukunft sein. Facharbeiter müssen daher lernen, mit Virtual und Augmented Reality (erweiterter Realität), mit Datenbrillen und Tablets umzugehen.

1. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird stattfinden. Es kommt darauf an, sie zu gestalten

Es geht also darum, wie dieser Wandel gestaltet werden kann und wie dafür das wertvolle Wissen der Beschäftigten als Stärke und Ressource genutzt werden kann. Hier sind in erster Linie die Sozialpartner gefragt, weil sie „die Experten für Veränderungen in der Arbeitswelt sind“, wie der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) in seinem Infodienst „Digitalisierung: der Megatrend“ betonte. Denn sie würden „über drei exklusive Gestaltungskompetenzen verfügen“: Sie kennen die Branche so gut wie kein anderer, sie haben die Mittel, um Arbeitsbedingungen branchenspezifisch zu gestalten und können Unternehmen und Arbeitnehmer auf Veränderungsprozesse einstimmen.
Die Chemie-Industrie kann ihre Stärken in vielerlei Hinsicht ausspielen. Sie ist eine der innovativsten Branchen, auch wenn sich der Blick meist auf Vorzeigebranchen wie die Auto- und Maschinenbau- oder die Elektroindustrie richtet. Hinter ihnen braucht sich die chemische Industrie nicht zu verstecken. Ihre Produkte dämmen Häuser, verwandeln Wind in Strom, treiben E-Bikes und E-Autos an – und somit die Energiewende voran. Ohne die Prozessindustrie, wie die Chemiebranche auch genannt wird, hätten wir kein sauberes Trinkwasser, würde uns nach zu vielen Bieren öfter der Kopf brummen (Aspirin), blieben viele Krankheiten ungeheilt.

2. Organisatorische Innovationen ermöglichen neue Ideen bei Produkten und technischen Prozessen

Doch das Neue betrifft nicht nur Produkte, Dienstleistungen oder technische Prozesse. Um Innovationen geht es auch, wenn Unternehmen ihre Wertschöpfungs- und Arbeitsprozesse neu und effizienter organisieren. Diese „organisatorischen Innovationen“ standen lange Zeit im Schatten von „Produkt- und Prozessinnovationen“, wie das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe in einer Studie für die CSSA schreibt. Darunter fällt etwa die „Verbesserung der Rüstzeiten“, damit häufige Produktwechsel schneller gehen. Und mithilfe von „kontinuierlichen Verbesserungsprozessen“ sollen Produktionsabläufe stetig reibungsloser verlaufen. Dafür nutzen die Unternehmen die Erfahrung und das Wissen der Mitarbeiter, etwa in Qualitätszirkeln. Doch auch altersgemischte Teams für den Wissenstransfer, die Förderung der Gesundheit der Beschäftigten, Abteilungsbesprechungen, um Arbeitsprozesse besser abzustimmen oder Maßnahmen, wie die interkulturelle Kommunikation in Belegschaften mit hohem Ausländeranteil gelingt, fallen unter organisatorische Innovationen. „Oft lassen sich die verschiedenen Innovationsfelder nicht scharf voneinander abgrenzen“, schreiben die ISI-Forscher. Aber, so heißt es weiter: „Organisatorische Innovationen können als Enabler, also als Ermöglicher und Initiatoren, Innovationen in den Bereichen Produkte und technische Prozesse anstoßen und entsprechend analysiert werden.“

3. Beschäftigte bringen ihr Wissen und ihre Erfahrungen ein, wenn sie mit den neuen Techniken vertraut gemacht werden

Für die Beschäftigten bedeutet das: Sie verändern in einem fort ihre „Arbeitswelt“. Und umgekehrt stellen sie sich auf ständig ändernde Techniken und Prozesse ein; auch sie denken über „organisatorische Innovationen“ nach. So erfasst die Digitalisierung auch die Instandhaltung. Immer mehr Sensoren informieren die Instandhalter, wie es um die Maschine steht, über Drehzahlen, Temperatur oder Fehler. Und viele Fehler werden nicht mehr vor Ort, sondern per Fernwartung behoben. Daniel Jost, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Chemischen Fabrik Budenheim, ist sich daher sicher: „Den klassischen Chemikanten, wie wir ihn heute kennen, wird es in zehn Jahren nicht mehr geben“ (siehe Praxisbeispiel Budenheim). Ein anderes Beispiel ist die Lagerlogistik, wo vermehrt elektronische Geräte im Einsatz sind, um schneller zu agieren und Fehler zu vermeiden. Das bedeutet aber auch: Die Mitarbeiter müssen sorgfältig darauf vorbereitet werden (siehe Praxisbeispiel Infraserv Logistics).

4. Die Unternehmen und Beschäftigten verfügen über wertvolles Erfahrungswissen. Diese Stärken können sie in die digitale Welt bringen

Das Wissen der Unternehmen und Beschäftigten, ihr „organisatorisches Kapital“, ist enorm wichtig und ein großes Potenzial, um die digitale Transformation der Wirtschaft zu bewältigen und mitzugestalten. Davon ist jedenfalls Sabine Pfeiffer, Professorin für Soziologie an der Universität Hohenheim, überzeugt. Sie und ihre Kollegin Dr. Anne Suphan interessierte nicht, „welche Jobs wir in der Zukunft durch Industrie 4.0 verlieren könnten“. Viel wichtiger war für das Duo die Frage: „Haben wir heute ausreichende Kompetenzen für die Gestaltung der digitalen Transformation?“ (siehe „Für den Wandel gerüstet"). Denn in Zukunft werden „weniger die formalen Qualifikationen an sich entscheidend sein als vielmehr die Kompetenzen und ausgeübten Tätigkeiten“, sagt Frank-J. Weise, ehemaliger Chef der Bundesagentur für Arbeit (siehe Margret Suckale, Hg., „Chemie digital – Arbeitswelt 4.0“, S. 61). Mit anderen Worten: Formale Abschlüsse wie Zeugnisse, Scheine und Befähigungsnachweise sind nicht ausschlaggebend, sondern das, was jemand wirklich kann und seine Arbeitserfahrung. 

5. Führungskräfte reflektieren, was die Zukunft bringen wird und sind offen für neue Wege der Zusammenarbeit

Die digitale Transformation ist aber nicht nur eine Frage ausreichender Kompetenzen. Sie stellt womöglich auch den Betrieb als „ortsgebundene industrielle Wertschöpfung“ sowie die klassischen Organisationsformen infrage. Stichwörter: mobiles Arbeiten, externe Auftragnehmer aus der Crowd Homeoffice. Und verändert damit auch radikal die Anforderungen an Führungskräfte. „Ohne ein neues Führungsleitbild wird eine Orientierungslosigkeit bleiben, auch wenn viele Führungskräfte motiviert sind und offen gegenüber Neuem“, sagt Andreas Boes vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (siehe Interview „Sourveräne Leader oder Dienstleister für Teams"). Natürlich lässt sich die Arbeit der verstreut in ihren Homeoffices sitzenden Beschäftigten organisieren. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, drückt es so aus: „Digitalisiertes Wirtschaften ermöglicht neue Formen von Kommunikation, Kooperation und eines zwischenmenschlichen Umgangs in einem bisher unbekannten Ausmaß“ (siehe „Chemie digital“).

 

Fazit: Die Chemie-Industrie hat schon beim demografischen Wandel bewiesen, dass sie schnell und zielstrebig auf gesellschaftlichen Wandel reagiert. Auch beim Thema digitale Transformation geht sie voran und hat einen Branchendialog Digitalisierung initiiert.

preloader preloader preloader preloader preloader preloader preloader preloader