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„Müssen ins Team passen"

Heinz-Peter Schlüter wollte sich engagieren. Und so wünschte sich der Trimet-Gründer zu seinem 66. Geburtstag keine Geschenke, sondern dass zur Unterstützung von Flüchtlingen Spendengelder gesammelt werden. Kurz nach seinem Geburtstag ist Schlüter im Jahr 2015 leider verstorben. Aber das Unternehmen führt den Gedanken in seinem Sinne weiter.

Bis zum Jahr 2022 will Trimet an seinen Produktionsstandorten in Essen, Voerde und Hamburg 66 zusätzliche Ausbildungsplätze für geflüchtete Menschen schaffen. „Die Zahl 66 ist nicht zufällig gewählt, sondern soll an den 66. Geburtstag unseres Gründers erinnern“, sagt Personalentwicklerin Dorothée Wallenfels. Der Vorstand und der Aufsichtsrat des Unternehmens sowie der geschäftsführende Hauptvorstand der IG BCE und die Kaps-Stiftung zur Nachwuchsförderung im Metallhandel stehen dahinter. Betriebsratsvorsitzender Thomas Flesch: „Wir werden von ganz oben unterstützt, das ist eine große Hilfe.“ Die Suche nach geeigneten Kandidaten begann in 2015. Ohne jegliche Vorerfahrung wusste das Familienunternehmen noch gar nicht, wie es die Voraussetzungen definieren sollte und verwendete den normalen Einstellungstest für Auszubildende. Schnell war klar, dass der Test schon allein wegen ihrer Deutschkenntnisse von den Geflüchteten nicht zu schaffen ist. Heute wissen es die Ausbilder besser und beurteilen im Vorstellungsgespräch in erster Linie nach Sympathie. „Mir ist wichtig, dass derjenige in unser Team passt“, sagt Timo Koesling, Leiter für die technische Ausbildung am Standort Essen. Wenn er darüber hinaus handwerklich geschickt ist, die Grundrechenarten beherrscht, sich an Regeln hält und im Team offen mit den Kollegen umgeht, hat er gute Karten. Diese Herangehensweise trägt Früchte: Das Feedback der Belegschaft ist positiv, die Auszubildenden verabreden sich zum gemeinsamen Fußballspiel. Vorurteile gibt es keine.

Lieber kleine Schritte gehen

In noch einem weiteren Punkt unterscheidet sich das Projekt „Berufsbildung für Flüchtlinge“ von Integrationsbemühungen anderer Unternehmen: Trimet lässt sich Zeit, wählt mit Bedacht – und mit der Perspektive, zukünftige Facharbeiter auszubilden. Dorothée Wallenfels: „Wir hören auch von anderen Betrieben, die zum Beispiel 66 Kandidaten auf einmal aufnehmen. Die mussten dann feststellen, dass sie sich übernommen haben und am Ende nur noch einer übrig bleibt.“ Gerade Geflüchtete mit wenig Deutschkenntnissen und keiner Vorstellung davon, wie die Arbeit in der Industrie und noch dazu in einem fremden Land aussieht, brauchen eine intensive Betreuung. „Wir gehen lieber kleine Schritte und fahren damit äußerst erfolgreich“, sagt Wallenfels. Betreuung ist der eine Baustein, der das Projekt trägt. Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen und Funktionen haben sich freiwillig als Paten gemeldet. Sie unterstützen die Geflüchteten bei Behördengängen, beim E-Mail-Schreiben und anderen Alltagsthemen. Thomas Flesch erzählt von einem Beispiel: „Ein syrischer Kollege hat Familie, zwei kleine Kinder. Da haben wir uns gefragt, wie können wir auch die Familie integrieren? Können wir etwas tun, damit er den Kopf frei hat für die Arbeit und die Sprachkurse?“ Mit vereinten Kräften haben sie es geschafft, dass die Kinder einen Kindergartenplatz bekommen. Nun ist es der Frau auch möglich, in Deutschland Fuß zu fassen und einen Deutschkurs zu besuchen.

Betreuung und Sprache sind die Eckpfeiler

Der andere Baustein ist die Sprache. Hier machte Trimet zunächst eine negative Erfahrung mit einem Bildungsträger. Ein Lehrer war für fünf Klassen zuständig – das ist kaum zu stemmen. Die Geflüchteten traten an die Ausbilder heran und schilderten das Problem. Diese zögerten nicht lang und entschieden sich dazu, werksinternen Deutschunterricht zu organisieren. In Kleingruppen von drei bis fünf Teilnehmern kann auf die unterschiedlichen Sprachniveaus der Kollegen intensiv eingegangen werden. Der Deutschunterricht ist neben der Fachkunde – technisches Zeichnen und Mathematik – Teil einer zwölfmonatigen Einstiegsqualifizierung. Bevor die Ausbildung starten kann, durchlaufen die Geflüchteten diese Einstiegsqualifizierung, so wie auch die deutschen Schulabgänger, die den Sprung nicht direkt in die Ausbildung geschafft haben. Auf diese Weise lernen sich beide Seiten besser kennen und die Kandidaten können erproben, ob die Tätigkeit das Richtige für sie ist. Nach erfolgreichem Einstieg beginnt die zweijährige Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer. Neben 72 regulären Azubis sind derzeit 16 Flüchtlinge an den drei deutschen Produktionsstandorten tätig – davon vier in fester Ausbildung. Die anderen zwölf werden dieses Jahr sehr wahrscheinlich als Auszubildende übernommen.

Wunsch nach weniger Bürokratie

Bei aller positiver Erfahrung wollen Flesch, Koesling und Wallenfels jedoch auch auf die Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen aufmerksam machen. Die größte ist – da sind sich die drei einig – die Sprache. „Die Sprache ist der Schlüssel“, so Wallenfels. Verständigungsprobleme am Arbeitsplatz habe es zwar noch keine gegeben. Doch: Die Fachbegriffe beherrschen die Geflüchteten noch nicht so gut. In dem Fall übersetzen Kollegen, die schon weiter sind. „Es braucht Zeit, man muss viel erklären, manchmal auch dreimal. Aber unsere Teilnehmer sind sehr motiviert und dankbar, dass sie diese Chance bekommen“, sagt Ausbildungsleiter Koesling. Und wenn sie den Sprachtest beim ersten Mal nicht schaffen, versuchen sie es eben noch einmal. Mehr Unterstützung wünscht sich Trimet beim Abbau von Bürokratie. Es sei ein großer Aufwand für die Flüchtlinge, wenn sie alle drei Monate zu den Behörden gehen müssten, um zu bestätigen, dass sie noch immer die Ausbildung machen. „Aus unserer Sicht ist das unnötig. Sie wollen ja arbeiten, müssen für diesen Akt aber jedes Mal freigestellt werden“, sagt Dorothée Wallenfels. Für kleinere Unternehmen, denen dafür das Personal fehlt, sieht sie darin sogar eine Gefahr. Im September haben die Kandidaten bei Trimet ihre erste Hürde zu erklimmen. Denn dann stehen die Zwischenprüfungen der IHK an. Besonders die Textaufgaben in Mathemathik könnten wegen der Sprache knifflig werden. Bei der Abschlussprüfung macht sich Timo Koesling hingegen weniger Sorgen: „Hier wird praktisches Wissen abgefragt. Das sind die Dinge, die sie tagtäglich tun.“ Bis jetzt seien noch immer alle weitergekommen. Das sei auch das Ziel für die nächsten Jahre.

 

Fotos: Trimet Aluminium SE

Das Unternehmen

Die Trimet Aluminium SE ist ein konzernunabhängiger deutscher Aluminiumhersteller. Das Familienunternehmen verarbeitet Primäraluminium, auch Hüttenaluminium genannt, das aus Bauxit gewonnen wird. Essen ist der Hauptsitz, weitere Standorte befinden sich in Berlin, Gelsenkirchen, Hamburg, Harzgerode, Sömmerda und Voerde. Seit Ende 2013 verfügt Trimet zusätzlich über zwei Fertigungen in Frankreich: In den Werken in Saint-Jean-de-Maurienne und Castelsarrasin entsteht Aluminiumdraht. An den neun Standorten sind rund 3.000 Mitarbeiter beschäftigt.

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