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17.09.2011 22:15 Alter: 8 yrs

Für eine neue Akzeptanz der Industrie

Dienstleistungsgesellschaft? Wissensgesellschaft? Postindustrielle Gesellschaft? In der Beschreibung der Gegenwartsgesellschaft kommt die Industrie nicht oder nur noch verschwindend vor. Der 8. Wittenberg-Workshop machte daher die „Akzeptanz der Industrie“ zum Thema.



 Man traut seinen Augen nicht: „Zurück zur Industrie“, „Reindustrialisierung“ – so lautete jüngst die Schlagzeile im IW-Dienst des Instituts der deutschen Wirtschaft. Zwar ging es vor allem um die steigende Industriequote in Ostdeutschland. Doch auch für den Westen der Republik gilt: Die Industrie trägt zwischen 21 und 27 Prozent (die Zahlenangaben schwanken) zur Bruttowertschöpfung in Deutschland bei. Mehr noch: Das Wachstum der Dienstleistungen verdankt sich vor allem der Industrie. Und sie ist der Träger des Außenhandels und bedeutender Innovationen.

Elemente einer tragfähigen Industriepolitik

Wie steht es daher um die Akzeptanz der Industrie? Gibt es zu viel Industrie in Deutschland und zu wenig Dienstleistungen (Dienstleistungslücke)? Und was könnten die Elemente einer tragfähigen Industriepolitik sein? Zur Diskussion dieser Fragen war Wittenberg ein passender Ort. Hier ist der Ausgangspunkt des Wittenberg-Prozesses in der chemischen Industrie zur Vertiefung der Sozialpartnerschaft und die Klammer zum Thema Industrie: „Nachhaltigkeit braucht eine vernünftige Balance von Ökonomie, Ökologie und Sozialem“. So lautet die zweite Kernthese des Ethik-Kodex – der Grundlage des Wittenberg-Prozesses.

Mehr Kommunikation

Außerdem: In Wittenberg lebte, lehrte und disputierte nicht nur Luther, sondern auch sein Freund und enger Mitarbeiter, der Philosoph und Theologe Philipp Melanchthon. Den Praeceptor Germaniae (Lehrmeister Deutschlands) bemühte Andreas Suchanek vom Wittenberg Zentrum für Globale Ethik für das Motto des Workshops: „Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren.“ 50 Teilnehmerinnen aus den Reihen des BAVC und der IG BCE hatten sich auf den Weg gemacht, um während zweier Tage im Plenum und in Arbeitsgruppen über die Bedeutung der Industrie in sozialer und ökologischer Hinsicht, über Akzeptanzprobleme oder der Bedeutung besonders der chemischen Industrie zur Lösung großer Herausforderungen (etwa dem Klimawandel) zu diskutieren.

Positive Einstellung zu Wissenschaft und Technik

Erfreulich immerhin: Zu Wissenschaft und Technik haben die „die Europäer eine grundsätzlich positive und optimistische Einstellung“, sagt Johannes Weyer, Professor für Techniksoziologie an der Technischen Universität Dortmund. So zeigt es das Eurobarometer aus dem Jahr 2010 zur Technikakzeptanz. Die Deutschen sind allerdings im Vergleich zum Durchschnitt der 27 EU-Länder „nüchterner, differenzierter und teilweise skeptischer“.

Fachkräfte als Multiplikatoren

Widersprüchlich ist die Einstellung zur chemischen Industrie. Einerseits wird sie „als ein notwendiger, gut zahlender und zukunftsträchtiger Industriezweig“ wahrgenommen, „der allerdings weder umweltfreundlich ist noch uneigennützig agiert“, wie Weyer in einer Befragung herausfand. Laut Weyer gibt es „einen Widerspruch zwischen der geringen individuellen Betroffenheit durch Umweltauswirkungen der Chemieindustrie und dem negativen Image der Branche in Bezug auf Umweltprobleme“. Zur Imageverbesserung könnten die Beschäftigten der Chemieindustrie auch selbst beitragen – gewissermaßen als Multiplikatoren in eigener Sache. „Denn da wo unsere Fachkräfte beschäftigt sind“, sagte BAVC-Präsident Eggert Voscherau, „holen die Grünen bei Wahlen die meisten Stimmen.“

Stimmen und Statements:

„Die Bedeutung der Industrie für den Standort Deutschland ist den Vertreter der Zivilgesellschaft gar nicht bewusst. Das haben sie praktisch nicht auf dem Schirm.“ Michael Linnartz, Leiter Ressort Grundsatzfragen IG BCE

„In der Politik kann man eine gewisse Sympathie für Dienstleistungen feststellen. Dienstleistungen gelten als positiv, die Industrie eher als negativ.“ André Schmidt, Professor f. Makroökonomik und intern. Wirtschaft an der Universität Witten/Herdecke

„Wie schaffen wir es mal mit positiven Bildern in die Tagesschau? Vielleicht sollte die Chemieindustrie nach dem Vorbild von Greenpeace eigene Ereignisse schaffen, mit denen sie in die Medien kommt.“ Seppel Kraus, Landesbezirksleiter IG BCE Bayern/Sprecher der Landesbezirksleiter der IG BCE


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