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08.11.2011 18:45 Alter: 8 yrs

Sozialpartnerschaft muss man im Betrieb leben

Was kann ich in meinem Betrieb vom Wittenberg-Prozess umsetzen? Diese Frage bewegte die Teilnehmer aus Chemie-Unternehmen wie BP, Evonik, Abbott, BASF, Boehringer Ingelheim oder Bayer während des 5. CSSA-Kolloquiums in Kagel-Möllenhorst bei Berlin.



Was kann ich in meinem Betrieb vom Wittenberg-Prozess umsetzen? Diese Frage bewegte die Teilnehmer aus Chemie-Unternehmen wie BP, Evonik, Abbott, BASF, Boehringer Ingelheim oder Bayer während des 5. CSSA-Kolloquiums, das vom 02.-04.11.2011 in Kagel-Möllenhorst bei Berlin stattfand.

Besonders neugierig waren die Anwesenden auf die Vorträge von Wolfgang Goos, Hauptgeschäftsführer des BAVC, und Edeltraud Glänzer, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE. „Für Außenstehende ist die Konsensbereitschaft der Chemie-Sozialpartner oft beängstigend“, meinte Goos. Diese Gesprächsbereitschaft sei jedoch kein „Kuschelkurs“, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung. Seine „Lieblings-Auseinandersetzungs-Partnerin“ Edeltraud Glänzer wies auf die drei wichtigsten Voraussetzungen für eine funktionierende Sozialpartnerschaft hin: Arbeitsräume schaffen, Kontakt mit handelnden Personen pflegen und Sozialpartnerschaft im Betrieb leben und erlebbar machen.

Jüngere Mitarbeiter gewinnen, ältere halten

Das Kamingespräch zum Thema „Perspektiven der Tarifpolitik“ mit Peter Hausmann, im geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE zuständig für Tarifpolitik, und Hans-Carsten Hansen, Personalchef der BASF und Vorsitzender der Tarifkommission des BAVC, war für viele das I-Tüpfelchen. Wenig überraschend, dass zwischen ihnen in vielen Fragen Konsens bestand. Zum Beispiel: Die Chemie-Branche muss mit alters- und familiengerechten Arbeitsbedingungen ihre Attraktivität halten oder steigern, um jüngere Beschäftigte zu gewinnen und ältere zu binden. Die BASF plant ein Work Life Management-Zentrum in Ludwigshafen.

Der demografische Wandel bestimmte auch die Diskussion. Laut Tarifvertrag haben Schichtmitarbeiter in der chemischen Industrie, die in Teilzeit beschäftigt sind, nur bis zur Vollendung des 55. Lebensjahres den vollen Anspruch auf Altersfreizeit. Ab 55 besteht dieser Anspruch nicht mehr. Da sich der Renteneintritt aber auf 67 Jahre erhöht hat, muss sich diese tarifvertragliche Regelung ebenfalls ändern. „Kann der Anspruch auf Altersfreizeit für die Mitarbeiter ab 55 entsprechend angepasst werden?“ wollte Robert Ansorge, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der MiRO Mineralölraffinerie in Karlsruhe, wissen. Hausmanns Antwort: „Wir müssen die Modelle kombinierbar machen, entsprechend anpassen und im Tarifvertrag verankern.“ Die Nachtschichten müssten gekürzt und Teilzeit auch für Beschäftigte jenseits der 60 angeboten werden, um sie länger im Unternehmen zu halten.

Wie der Wittenberg-Dialog beim Medizintechnikhersteller B. Braun in der Praxis funktioniert, zeigten Doris Pöllmann, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, und Klaus Zinke, Manager Human Resources, anhand des bis zum Jahr 2014 datierten Zukunftssicherungsvertrags. Den haben die „Braunianer“, wie sich die Mitarbeiter der B. Braun AG in Melsungen selbst nennen, gemeinsam mit dem Management erarbeitet und verabschiedet. Mehr dazu ist in der frisch gedruckten CSSA-Broschüre „Instrumente für eine gesunde Zukunft“ nachzulesen.

Fazit der Veranstaltung: Im Wittenberg-Prozess geht es weder darum, „das Rad neu zu erfinden“, wie Lutz Mühl vom BAVC sagte. Noch darum, „die fünf Leitlinien des Ethikkodex schematisch zu betrachten“, worauf Klaus-W. West, Geschäftsführer der CSSA, hinwies. Sie seien keine Checkliste, die es abzuarbeiten gilt, sondern sollten Teil der Unternehmenskultur werden.

Beispielhafte Unternehmenskultur

Hinzuzufügen wäre noch: Teil einer beispielhaften Unternehmenskultur. Natürlich soll der Wittenberg-Dialog in noch mehr Unternehmen angeregt und umgesetzt werden. Aus den Arbeitsgruppen gab es dazu einen fantasievollen Vorschlag: Verantwortlich handelnde Unternehmen könnten mit dem „Goldenen Luther“ ausgezeichnet werden. Der Preis, der erst noch zu schaffen wäre, würdigt dann den Wittenberg-Dialog. Eine ähnliche, nicht ganz ernst gemeinte, Idee schlug Edeltraud Glänzer vor: Aus Anlass des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 könnten die Sozialpartner ja die Leitlinien des Wittenberg-Prozesses, wie einst Luther seine 95 Thesen, ans Portal der Wittenberger Schlosskirche nageln.

 

Das 6. CSSA-Kolloquium wird vom 13.-15. Juni 2012 in Bad Münder stattfinden.


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