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19.10.2012 11:40 Alter: 7 yrs

„Qualifikation ist ein Megathema“

Die deutsche Chemie-Industrie steht vor großen Herausforderungen, weil sich die Welt ändert: Die Weltbevölkerung wächst, das Klima ändert sich, die Ressourcen werden knapper. Die größte stellt sich ihr im eigenen Land: die Folgen des demografischen Wandels.



Die deutsche Chemieindustrie steht vor großen Herausforderungen: Die Bevölkerung wächst, das Klima ändert sich, die Ressourcen werden knapper. Die größte stellt sich ihr jedoch im eigenen Land: Sie muss die Folgen des demografischen Wandels bewältigen. Beim 2. Sozialpartner Forum in Frankenthal war das jüngst eines der zentralen Themen.

Wie sich die fortschreitende Globalisierung auf die deutsche Chemieindustrie auswirkt, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut „Prognos“ für den Verband der Chemischen Industrie (VCI), Frankfurt, untersucht. Das wichtigste Ergebnis der Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030“: Die chemische Industrie ist als „global player“ richtig aufgestellt. Damit dies so bleibt, „müssen wir mit rund 50.000 Beschäftigten weniger ein Produktions-Wachstum von 40 Prozent bis zum Jahr 2030 organisieren“, sagte Johann-Peter Nickel, Geschäftsführer des VCI; er stellte den etwa 100 Forum-Teilnehmern die Studie vor. Nickel weiter: Dies sei nur zu leisten, wenn es gelinge, die Folgen des demografischen Wandels gut zu meistern. 

Die Unternehmen stehen unverändert vor zwei entscheidenden Aufgaben: Sie müssen permanent rationalisieren und die Belegschaften für die neuen Anforderungen qualifizieren. Zwei Zahlen belegen die ständige Veränderung: Der Anteil produktionsnaher Tätigkeiten geht von 34 auf 31 Prozent zurück, während wissensbasierte Tätigkeiten wie Messen, Prüfen, Forschen und Entwickeln zunehmen. „Qualifikation ist ein Megathema“, sagt Bernd Vogler, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Rheinland-Pfalz.

Zukunft der Produktionsarbeit

„Schicht 2030 – Zukunft der Produktionsarbeit im technologischen und demografischen Wandel“ – so lautete das Thema des 2. Sozialpartner-Forums. Ralf Sikorski, Landesbezirksleiter der IG BCE Rheinland-Pfalz/Saarland, beschrieb das Ziel so: „Wir müssen uns darüber verständigen, was das konkret für die betrieblichen Akteure bedeutet.“

Dr. Christoph Zanker vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung betonte, dass es für die Unternehmen künftig vor allem auf Wandlungsfähigkeit ankomme. Darunter versteht er die „langfristige, strukturelle Anpassung des Systems“. Während Flexibilität „gegebene Spielräume vor allem kurzfristig ausnutze.“

600 Betriebstrainer für den Wissenstransfer

Wie die BASF in Ludwigshafen auf die demografische Herausforderung reagiert, beschrieb Dr. Theo Proll anhand des Projekts Opal 21. Angesichts eines Durchschnittsalters von 46 Jahren unter den 8.000 Schichtarbeitern am Ludwigshafener Standort, sollen insgesamt 600 Betriebstrainer den Wissenstransfer auf die nächste Generation sicherstellen.

Ein weiteres Thema: Ältere Arbeitnehmer können bereits mit geringem Trainingsaufwand ihre Lernfähigkeit steigern. Das belegt das von der CSSA unterstützte Projekt „Altersdifferenzierte Kompetenzförderung in der Chemieindustrie“ beim Reifenhersteller Michelin in Bad Kreuznach. Die wichtigste Erkenntnis, so Werksdirektor Cyrille Beau und Uwe Kumpa, Betriebsratsvorsitzender: „Auch Ältere können erfolgreich lernen und ihre Lernfähigkeit messbar verbessern.“

Wie motivieren?

Mehr Probleme bereitet es offenbar, Schichtarbeiter zum Lernen zu motivieren und sie in Bewegung zu bringen. Stephanie Gabler, Leiterin Konzern Personalwesen bei der Werner & Mertz GmbH in Mainz, berichtete von dem Sportprojekt „Bewegungsfreiheit“. Es soll bei dem Hersteller von Haushaltsreinigern (Marke Frosch) dazu beitragen, den Krankenstand unter den 200 Schichtarbeitern zu senken: Externe Trainer kommen ins Haus und absolvieren mit den Beschäftigten am Arbeitsplatz eine 15-minütige, wohlgemerkt bezahlte, Sporteinheit. Ergebnis, so Stephanie Gabler: „Die mutigeren waren die Frauen, während die Männer das ‚Rumgehüpfe’ albern fanden.“ Das Mainzer Unternehmen würde sich eine größere Beteiligung wünschen, sagte Gabler. Cyrille Beau kennt das Problem: „Jene, die solche Programme nutzen, sind meist die, die es am wenigsten brauchen.“

Wertewandel bei der jungen Generation

Doch nicht nur die Demografie bereitet den Chemieunternehmen Kopfzerbrechen. Die junge Generation lässt sich nicht mehr so leicht für die Schichtarbeit gewinnen wie frühere Facharbeitergenerationen. Als Ursache identifizierte Andrea Conrady, Head of Local Topics bei Boehringer Ingelheim, „einen Wertewandel bei den Bewerbern“. Wichtiger als finanzielle Anreize wie Nacht- und Sonntagszuschläge, sagte Conrady, „ist ihnen ihr soziales Umfeld, also Freunde und Familie“.  


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