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18.07.2013 09:11 Alter: 6 yrs

Die Beteiligung der Bürger lohnt sich

Bei Großprojekten lohnt es sich für Unternehmen und Projektplaner, Bedenken und Kritik von Bürgern und Umweltverbänden ernst zu nehmen und sie frühzeitig und offen zu informieren. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Planung verlängert oder Projekte nach der Fertigstellung scheitern.



Bei Großprojekten lohnt es sich für Unternehmen und Projektplaner, Bedenken und Kritik von Bürgern und Umweltverbänden ernst zu nehmen und sie frühzeitig und offen zu informieren.

Sind in Deutschland noch große Infrastrukturprojekte durchführbar? Fast scheint es, dass dies nicht der Fall ist. Wo immer Großprojekte geplant sind, gehen Bürger auf die Barrikaden, egal ob es sich um Bahnhöfe, Flughäfen, gentechnische Anlagen, Windräder oder Pipelines handelt. Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 geraten in die Kritik oder stoßen auf massiven Protest und Widerstand. Weil sich die Bürgerinnen und Bürger nicht ausreichend beteiligt fühlten.

Es geht auch anders, wie das Vorgehen der Shell Rheinland Raffinerie zeigt. Sie hat ihre Standorte Wesseling und Godorf mit einer knapp vier Kilometer langen Rohrleitung verbunden, um so effektiver Grundstoffe zur Produktion von schwefelarmem Heizöl und Benzin zu befördern. Shell entschied sich von Anbeginn, die Bürgerinnen und Bürger, Umweltverbände und andere sogenannte Stakeholder in die Planung einzubeziehen und umfassend zu informieren. Das Ergebnis: Der Bau konnte im Oktober 2011 beginnen, derzeit ist sie im Probebetrieb, in diesem Frühjahr soll sie „planmäßig“ in Betrieb gehen.

Oft gehen Planung und Bau nicht so glatt über die Bühne. Für Professor Christoph Hubig von der Technischen Universität Darmstadt ist das keine Überraschung. Er beschäftigt sich seit langem mit praktischen Fragen industriepolitischer Kommunikation. Er war Vorsitzender des Bereichs Mensch und Technik im Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und hat an den Richtlinienausschüssen 7000 und 7001 mitgearbeitet. Sie wird am 14. Mai beim 26. Deutschen Ingenieurtag in Düsseldorf der Öffentlichkeit vorgestellt. Kernpunkte der Richtlinie 7001: Auftraggeber und Gutachter müssen ihre Interessen offenlegen, „Unsicherheiten“ in der Planung klar benannt und Alternativgutachten erwähnt werden.

Frühzeitige Beteiligung mach Projekte erfolgreicher

Für Hubig ist klar, dass eine frühzeitige und offene Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger für eine erfolgreiche Durchführung von Großprojekten den Ausschlag geben. Eine falsche Kommunikationspolitik kann solche Projekte zum Scheitern bringen. Hubig: „Wer die Betroffenen nicht rechtzeitig beteiligt, verlängert Planungsprozesse oder bringt ein Projekt sogar zum Scheitern.“

Unternehmen wie die Mineraloelraffinerie Oberrhein in Karlruhe (MiRO) suchen daher „offensiv den Dialog mit den Bürgern, den Kommunen und auch mit Umweltverbänden“, sagt Yvonne Schönemann, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit bei MiRO. Denn Unternehmen sehen sich heute einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit gegenüber, die informiert und in ihren Bedenken ernst genommen werden will.

Systematisches Umfeldmanagement

MiRO ist die größte Kraftstoffraffinerie in Deutschland. Rechnerisch kommt fast jeder vierte Liter Benzin, der in Deutschland getankt wird, aus Karlsruhe. Das Raffineriegelände ist knapp fünf Quadratkilometer groß und damit so weitläufig wie die nahe gelegene Karlsruher Innenstadt. Markus Scheib ist seit elf Jahren kaufmännischer Geschäftsführer der Raffinerie. Seit er und sein Kollege Dr. Hans-Gerd Löhr, technischer Geschäftsführer, die Leitung der Raffinerie übernahmen, betreibt MiRO ein systematisches Umfeldmanagement. Scheib erklärt es so: „Im Kern geht es darum, die Akzeptanz für den Standort zu sichern.“ Grundlage dafür ist, die Menschen umfassend zu informieren und nichts Wichtiges zu verschweigen. Scheib: „Wer offen und umfassend informiert, verschafft sich Vertrauen und vermeidet Spekulationen.“(siehe Interview mit Markus Scheib)

Infrastrukturprojekte haben langfristige Folgen für die Betroffenen

Technikphilosoph Christoph Hubig hält diese Strategie für die einzig richtige, wie er im Gespräch mit der CSSA betont (Interview mit Christoph Hubig). Denn fühlt sich die Öffentlichkeit gar übergangen, so artikuliert sich in einer späteren Planungsphase meist nicht nur Kritik, sondern Wut und eine Gegnerschaft auch zu Projekten, die sinnvoll und nützlich sind: „Den Leuten ist sehr wohl bewusst, dass mit großen Infrastrukturprojekten Alltag und Leben oft auch auf lange Sicht hin verändert und möglicherweise unwiderruflich festgelegt werden.“ Selbst andere parlamentarische Mehrheiten können daran oft nichts ändern. Hubig rät Unternehmen und Projektplanern, „die Bürger als mündige Partner zu betrachten, die ihr Risiko- und Chancenmanagement selbst gestalten“. Nur so könne eine Akzeptanz für Bauvorhaben und Großprojekte geschaffen werden.


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