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21.10.2013 09:28 Alter: 6 yrs

„Man muss es ganz einfach machen“

Polycasa in Mainz macht um Interkulturalität oder Multikulti kein großes Aufheben: Der Hersteller von Kunststoffplatten geht Konflikte pragmatisch, mit viel Geschick und den richtigen Ansprechpartnern an.



Polycasa in Mainz macht um Interkulturalität oder Multikulti kein großes Aufheben: Der Hersteller von Kunststoffplatten geht Konflikte pragmatisch, mit viel Geschick und den richtigen Ansprechpartnern an.

Dabei hätte das Mainzer Unternehmen durchaus Grund dazu: Fast die Hälfte der 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt aus Ländern wie der Türkei, Griechenland, Italien, Albanien oder Kurdistan. Noch vielfältiger geht es in der Fertigungsabteilung Halbzeuge zu. Deutsche Kollegen sind hier in der Minderheit: 8 von 33 Beschäftigten. Für Agim Islami ist das kein Problem. Er kam im Jahr 1991 aus dem Kosovo nach Deutschland, hat Interkulturalität am eigenen Leib kennengelernt. Damals war er 24 Jahre alt. Jetzt ist er 46 Jahr alt, bei Polycasa Meister der Abteilung und zugleich Mitglied im Betriebsrat. Agim Islami ist daher ein gefragter Ansprechpartner, wenn Kolleginnen und Kollegen um Rat suchen, auch in Privatangelegenheiten.

„Geschlossene“ Gesellschaften werden nicht akzeptiert

Die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen sind seit 20 Jahren oder länger im Unternehmen. „Das Betriebsklima ist bei aller Kultur- und Sprachvielfalt sehr gut“, sagt Agim Islami. Konflikte gibt es dennoch, wie überall, wo Menschen zusammenarbeiten. Mitunter dringen auch Großkonflikte in die kleine Welt seiner Abteilung. Zum Beispiel der zwischen Kurden und Türken, über die kurdische Arbeiterpartei PKK. Betriebsrat Agim Islami erinnert sich noch gut daran, als es darüber Streit zwischen den türkischen und kurdischen Kollegen gab. Er hat gleich zu Beginn alle an einen Tisch geholt und klar gemacht, dass der Betrieb nicht der Ort ist, solche Streitigkeiten auszutragen. Seine Devise ist: Probleme müssen frühzeitig angesprochen werden – auch wenn es sich dabei mal um Themen außerhalb des Arbeitsalltags handelt. Das war vor fünf Jahren.

Es gibt noch andere Themen. Mitunter entwickeln sich Schichtgruppen zu so etwas wie geschlossene Gesellschaften. In drei Schichtgruppen war das der Fall: alles Leute einer Nationalität, erzählt Christian Thomas, Personalleiter bei Polycasa. Eine Schichtgruppe besteht aus acht Mann. Gearbeitet wird in jeweils vier Schichten, Voll-Konti von Montag bis Sonntag. Polycasa stellte daraufhin die Schichtgruppen neu zusammen. Was zählte waren  allein die Qualifikation und vor allem die Maschinenkenntnisse. Für Agim Islami und Christian Thomas hat sich dieser Schritt noch in andere Hinsicht ausgezahlt: „Die Stimmung unter den Kollegen ist viel besser“, sagt der Personalleiter, „weil sich die unterschiedlichen Mitarbeiter durch die Zusammenarbeit besser kennengelernt haben“. Auch werde während der Pausen nicht nur in einer Fremdsprache gesprochen. Mitunter allerdings ermahnt Agim Islami seine Kollegen, nicht in ihrer Muttersprache zu reden, wenn Kollegen anderer Nationalität dabei sind.

Ein Teil spricht nur gebrochen Deutsch

Überhaupt ist die Sprache ein Thema. Ein Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Polycasa spricht nur gebrochen Deutsch. Das macht ihm und Christian Thomas schon mal zu schaffen. Zum Beispiel beim Thema Weiterbildung und Wissenstransfer an neue Kollegen. Agim Islami geht auch hier einen pragmatischen Weg. Er nutzt die Möglichkeiten der Bildsprache und -Symbole. Anders gesagt: Es wird nicht nur erklärt, sondern vor allem viel gezeigt. Auch vor Ort direkt an den Maschinen. Alle Arbeitsschritte werden vorgemacht, damit die Kollegen wissen, wie es geht. Wo weitere Erklärungen nötig sind, holt sich Agim Islami einen „Übersetzer“ zur Hilfe: einen Landsmann der beide Sprachen spricht. Und schließlich hilft auch Geduld und Einfühlungsvermögen. Der Meister und Betriebsrat sagt, dass er „seine Jungs“, wie er die Kollegen nennt, sehr gut kennt. „Ich weiß oft, was sie denken und was sie sagen wollen, auch wenn sie sich in Deutsch nur gebrochen ausdrücken können.“

Die Zusammenarbeit zwischen den Nationen klappt gut

Als Fazit zieht Agim Islami: „Man muss es ganz einfach machen.“ Dann läufts. Auch Personalleiter Christian Thomas weiß, dass die innerbetriebliche Zusammenarbeit zwischen den „Nationen“ gut funktioniert. Er sieht noch einen anderen Aspekt von Interkulturalität: Die Kommunikation auf der Managementebene zwischen der nordirischen Mutter von Polycasa mit Sitz in Derrylin (County Fermanagh, Nordirland), dem belgischen Headquarter und dem Mainzer Standort. Doch das ist eine andere Geschichte.

Polycasa:

 

Produktion bei Polycasa: Acrylplatten am laufenden Band.

Polycasa, früher Quinn-Plastics, ist ein Marktführer im Extrudieren von Kunststoffplatten. Die Produktpalette reicht von etablierten Produkten wie Polystyrol und Acrylglas über technische Polymere wie Polycarbonat bis hin zu neuen, aus Polyestern entwickelten Werkstoffen. Die Anwendungsgebiete der Produkte reichen von einfachen Bilderrahmen bis zu komplexen Konstruktionsteilen wie etwa Lärmschutzwänden. In Mainz wird Acrylglas hergestellt, das häufig für Lichtkuppeln, Caravanfenster, Verkaufsdisplays, Beleuchtungselemente sowie für Werbeschilder verwendet wird. Polycasa Mainz ist einer von sechs Standorten in Europa und Teil der irischen Quinn Manufacturing Group. Bei Polycasa sind insgesamt rund 550 Mitarbeiter beschäftigt, davon 125 in Mainz.


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