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06.03.2014 16:40 Alter: 6 yrs

„Wir müssen die Beschäftigten fragen“

Es war zweifellos gut gemeint: Wer könnte, wenn es um Gesundheit geht, gegen Fahrradkurse und gesünderes Essen ernsthaft Einwände erheben? Die Betroffenen, englische Dockarbeiter, zeigten sich dafür wenig empfänglich. Im Gegenteil. Sie hassten sogar, was ihnen eigentlich helfen sollte.


Professor Dame Carol Black


Es war zweifellos gut gemeint: Wer könnte, wenn es um Gesundheit geht, gegen Fahrradkurse und gesünderes Essen ernsthaft Einwände erheben? Die Betroffenen, englische Dockarbeiter, zeigten sich dafür wenig empfänglich. Im Gegenteil. Sie hassten sogar, was ihnen eigentlich helfen sollte.

 

Und sie sagten es ihrem Vorarbeiter, der zurückfragte: Was wollt ihr denn stattdessen?  Die Antwort war überraschend: Mehr Qualifikation, Bildung, Kurse für Analphabeten, denn einige der Beschäftigten schämten sich, weil sie nicht lesen konnten. Für die Gesundheitsexpertin Dame Carol Black  vom Newnham College in England ist das ein Beispiel, warum viele Gesundheitsprojekte in Unternehmen scheitern. Sie gehen an der Wirklichkeit und den Wünschen der Zielgruppe vorbei. Black sprach während der internationale Konferenz „Human Economy“, die das Deutsche Demographie Netzwerk (ddn) Ende Februar in Berlin veranstaltete. Mehr als 100 Experten und Wissenschaftler aus der ganzen Welt nahmen an der Konferenz teil. Thema: Nachhaltiges HR-Management älterer Belegschaften.

Chronische Erkrankungen auch schon bei jungen Menschen

Dame Carol Black gab gleich zu Beginn des zweitägigen Kongresses die Linie vor: „Wir müssen die Beschäftigten fragen, was sie in puncto Gesundheit wollen.“ Sie kritisierte, dass sich viele Projekte an das oberste, für Gesundheitsprojekte in der Regel leichter zugängliche Drittel der Beschäftigten richteten. „Aber wir müssen uns auf das untere Drittel konzentrieren“, betonte sie. Black hob auch den Widerstreit zwischen den Anforderungen an eine längere Lebensarbeitszeit und das frühe Auftreten chronischer Erkrankungen bei jungen Menschen hervor: Eine Folge des um sich greifenden Übergewichts auch bei jungen Menschen.

„Wir müssen die Beschäftigten fragen“

Überhaupt scheint der drohende Fachkräftemangel einen Paradigmenwechsel zur Folge zu haben. Galt früher die Regel, dass die Arbeit zum Menschen passen muss, so gilt heute, dass der Mensch zur Arbeit passen sollte. Damit das klappt, müssen Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer fragen. „Fragt Eure Leute“, lautete das einhellige Statement in Berlin anwesenden der Experten. Bei Personalmaßnahmen müssten die Beschäftigten dabei aktiv eingebunden.

Dass alle Gesundheitsprojekte ohne die Beteiligung der Betroffenen unwirksam bleiben, könnte man als eine Art Tenor des Kongresses bezeichnen.  Jeffrey Beeson, Leadership Consultant des Vereins Worldcafe Europe, sagte, es sei sinnvoller mit den Leuten „statt an ihnen zu arbeiten“. Beeson: „Teilhabe bringt mehr.“ Wie richtig er damit liegt unterstrich auch Dr. Stefanie Seele, Betriebsärztin bei der Berliner Stadtreinigung (BSR), dem nach ihren Worten größten kommunalen Entsorgungsunternehmen in Deutschland. Der BSR habe „exzellente Erfahrungen mit Multiplikatoren unter den eigenen Beschäftigten gemacht.“

„Blutdruckbotschafter“ bei der Stadtreinigung

Den Blutdruck der Kollegen messen vielfach nicht Ärzte, sondern der zum „Blutdruckbotschafter“ qualifizierte Kollege. Warum solche Aktionen wichtig sind, beschrieb Stefanie Seele anhand weniger Zahlen. Der BSR beschäftigte im Jahr 1990 noch 13000  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Inzwischen sind es nur 5400 Beschäftigte, die im Mittel 47 Jahre alt sind und beträchtlich mehr leisten müssen als ihre Kollegen vor 20 Jahren. Die Mülltonnen werden im Akkord auf die Straßen geschoben und geleert. Die Belastungen sind hoch, oft einseitig, die Krankenquote ist, besonders in sehr kalten Wintermonaten, „extrem hoch“, betonte Seele. „Gesundheit ist ein Dauerthema“, sagte Seele, „das darf man nicht unterschätzen.“  Wer vor dem 67. Lebensjahr aufhören will, dem bietet der BSR Lebensarbeitskonten an.

„Was immer Sie tun, machen Sie es in der Arbeitszeit“

Gesundheit ist auch bei der Lloyd Shoes GmbH in Sulingen ein großes Thema. Der Schuhhersteller in Niedersachsen, der im Übrigen in den Organisationsbereich der IG BCE fällt, beschäftigt in seinem Werk in Niedersachsen 480 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weltweit sind es 1700. Der Hälfte der in Sulingen Beschäftigten ist angelernt. Lloyd ist ein Familienunternehmen. Es produziert pro Tag 7200 Schuhe. Seit der Jahrtausendwende gibt es Gesundheitszirkel, die sich monatlich treffen und die wichtigsten Gesundheitsbaustellen in Angriff nehmen. Geschäftsführer Poul Haugaard Petersen führte zwei Gründe für den Erfolg der Gesundheitszirkel an. Zum einen habe der Schuhhersteller die klassische Personalabteilung (Human Resources) von der Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung getrennt (POE). „Seitdem läuft bei uns viel mehr in Sachen Gesundheit“, sagte Haugaard. Zum zweiten mahnte der Geschäftsführer seine Zuhörer, alle Gesundheitsmaßnahmen während der Arbeitszeit zu machen. „Was immer sie tun, tun sie es in der Arbeitszeit“, sagt er. Aber, so sagte Haugaard auch, „solange wir Geld verdienen, können wir das machen“.  

Wir werden älter und länger Arbeiten müssen

Vor welche Herausforderungen der demografische Wandel die Industriegesellschaften stellt, verdeutlichte Harald Wilkoszewski von der OECD. Jedem Tag steige die durchschnittliche Lebenserwartung um sechs Stunden, mit jedem Jahr sogar um drei Monate. Dadurch erhöhe sich die durchschnittliche Lebenserwartung von gegenwärtig ca. 80 auf 90 Jahre im Jahr 2050. Gleichzeitig werden auch die Lebensarbeitszeit länger. Denn bliebe alles wie es ist, dass die Menschen nur 35-45 Jahre ihres Lebens arbeiten, würde das die sozialen Sicherungssysteme überlasten.

Weitere Berichte zum Demografischen Wandel und wie Unternehmen die Gesundheitheit ihrer Mitarbeiter fördern, finden Sie hier


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