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27.04.2015 10:24 Alter: 5 yrs

Vertrauen – in Krisen unentbehrlich

Wenn Mitarbeiter und Betriebsräte von kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre Betriebskultur beschreiben, dann greifen sie oft zu diesem Sprachbild: Wir sind wie eine Familie.


Dirk Matejovski

Kathrin Dreckmann


Wenn Mitarbeiter und Betriebsräte von kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre Betriebskultur beschreiben, dann greifen sie oft zu diesem Sprachbild: Wir sind wie eine Familie. Dieser Begriff gewinnt dann an Brisanz und Bedeutung, wenn Unternehmen oder Unternehmensteile ausgegliedert und fusioniert werden oder in neue Eigentümerhände wechseln.

Kathrin Dreckmann M.A. fasst die Befunde der CSSA-Studie so zusammen: „Für die Beschäftigten kommen der Verkauf des Unternehmens oder eine Fusion einem Traditionsbruch gleich.“ Das Sprachbild von der Familie verweise auf eine Zeit, „wo Kollegen einander vertrauen konnten und auch ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Chefs bestand“, sagt sie. Die Studie „Unternehmenskultur: Selbstinterpretation und Wissensproduktion in mittelständischen Betrieben der chemischen Industrie“ haben Professor. Dr. Dirk Matejovski und Kathrin Dreckmann M.A. im Auftrag der CSSA erstellt. Beide sind am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig.

Bemerkenswerte Nähe aller verantwortlichen Akteure

Die Studie geht davon aus, dass jede Organisation, also auch jedes Unternehmen eigene Regeln und Verhaltensgrundsätze entwickelt, die sich im Alltag bewährt haben. Diese Betriebskultur bestimme dann maßgeblich das Verhalten der Akteure im Unternehmen. Die Kultur von mittelständischen Unternehmen zeichne sich vor allem durch „die bemerkenswerte Nähe aller verantwortlichen Akteure bei Entscheidungs- und Steuerungsprozessen aus“. Dieses Merkmal hebt Professor Matejovski als bedeutend hervor. Diese Nähe schaffe „Vertrauen der Beschäftigten in die Unternehmensleitung“. Umgekehrt sei die Firmenleitung auf der Basis dieses wechselseitigen Grundvertrauens bereit, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wiederum „Entscheidungsspielräume und Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen“ sowie die Beschäftigten mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen in das unternehmerische Handeln mit einzubeziehen.

Diese Betriebskultur sei, so ein weiteres Ergebnis der Studie, für KMUs eine gute Grundlage, um besonders innovationsfreundlich zu wirtschaften. Eine Garantie sei das jedoch nicht, gibt Kathrin Dreckmann zu bedenken: „Das heißt nicht, dass mittelständische Unternehmen naturwüchsig innovationsaffin sind.“ Die Interviews für die Studie hätten allerdings deutlich gemacht, „dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Effizienz und dem Transformations- und Innovationspotenzial eines Unternehmens und seiner Kultur besteht“.

BRs sind oft das „kommunikative Gedächtnis“ eines Betriebs

Die Rolle der Betriebsräte wurde besonders aufmerksam untersucht. Sie seien oft das „kommunikative Gedächtnis“ eines Betriebs. Kathrin Dreckmann beschreibt diese Rolle im Detail so: „In der Kombination von Langzeiterfahrung, Direktkommunikation und Vertrautheit mit organisatorisch-technischen Abläufen gewinnen sie Einblicke in Wissensbestände eines Unternehmens, die in dieser Intensität meist niemand sonst gewinnen kann.“ Zugleich repräsentierten die Betriebsräte in Zeiten der Krisen oder Übergänge „Teile von Kontinuität und Tradition“, so Dreckmann über die oft einzigartige Rolle der Betriebsräte.

An zusätzlichem Gewicht gewinnen Rolle und Wissen der Betriebsräte bei Firmenverkäufen, Fusionen oder Ausgliederungen. Der Grund: Vielfach achteten die neuen Leitungen, nicht selten auch neue Eigentümer aus dem Ausland, zu wenig die Erfahrungs-, Wissens- und Traditionsbestände des übernommenen Unternehmens. „Sie erkennen nicht die Bedeutung der Betriebskultur für die Beschäftigten“, sagt Kathrin Dreckmann. Auch sei ihnen oft die Kultur der Partizipation fremd, die für die chemische Industrie charakteristisch sei. Das Fazit der Studie: „Unternehmen, in denen vertrauensvoll kommuniziert wird, kulturelle Gräben thematisiert und aufgearbeitet werden und Traditionen produktiv gemacht werden, bewältigen auch schwierige, tendenziell krisenhafte Umbruchprozesse leichter als andere.“

Mehr: Die Studie „Unternehmenskultur: Selbstinterpretation und Wissensproduktion in mittelständischen Betrieben der chemischen Industrie“ gibt es in einer gedrängten Zusammenfassung: download

In einem Interview erläutern Dirk Matejovski und Kathrin Dreckmann ihre Erfahrungen in KMUs und was es mit dem "kommunikaltiven Gedächtnis" von Betriebsräten auf sich hat. Zum Interview...

 

 


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