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27.10.2015 09:43 Alter: 4 yrs

Polen: Viel Kleinarbeit im Betrieb

Ein geringer Organisationsgrad bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern, keine Flächentarifverträge und die Arbeitgeberseite ist mehr Lobbyverein denn Tarifpartner: In Polen ist vieles anders als in Deutschland, wie das 4. CSSA-Länderseminar zeigte.



Ein geringer Organisationsgrad bei Arbeitgebern und Arbeitnehmer, Flächentarifverträge sind unbekannt, und die Arbeitgeberseite ist mehr Lobbyverein denn kollektiver Tarifpartner: In Polen ist vieles anders als in Deutschland, das zeigte das das 4. CSSA-Länderseminar.

Für polnische Gewerkschaften sind Betriebsräte Konkurrenten, Tarifverträge werden meist auf betrieblicher Ebene geschlossen und die Arbeitgeberseite versteht sich eher als Lobbyverein, denn als kollektiver Tarifpartner. Dr. Karoline Mis weiß aus eigener Erfahrung: „Es gibt viele Schwierigkeiten mit den polnischen Gewerkschaften, das Verhältnis ist nicht einfach.“ Warum das so ist und wie man dennoch gut mit den polnischen Kollegen zusammenarbeiten kann, zeigten sie und drei weitere Fachreferenten am 24. September 2015 in Wiesbaden beim 4. CSSA-Länderseminar „Arbeitsbeziehungen in Polen“. 14 Betriebsräte, Personalverantwortliche und Vertreter der Chemieverbände nahmen daran teil. Sie beschäftigten besonders die folgenden Fragen: Wie funktioniert die Arbeitnehmervertretung in Polen? Welche Rolle spielen polnische Gewerkschaften und Betriebsräte und welche Mitsprachemöglichkeiten haben sie? So hat beispielsweise Albert Kruft, Eurobetriebsrats-Vorsitzender bei Solvay in Bad Hönningen, einen polnischen Vertreter im EBR sitzen. Kruft möchte erfahren, wie sein polnischer Kollege in seiner Gewerkschaft aufgehoben ist, um die Hintergründe besser zu verstehen.

Es gibt Abertausende Betriebsgewerkschaften

Dr. Karoline Mis, Referentin für den Europäischen Betriebsrat beim Automobilzulieferer Mahle GmbH in Stuttgart, brachte den Teilnehmern die Strukturen der polnischen Arbeitnehmervertretung näher. In Polen gibt es drei große Gewerkschaftsverbünde. Einer der größten ist die Gewerkschaftskonföderation NSZZ „Solidarnocs“ (ca. 649.000 Mitglieder). Sie ist recht konservativ, nah an der katholischen Kirche orientiert – und wird daher oft mit der rechts-konservativen Partei PiS assoziiert. In ihr sind 8.000 Betriebsgewerkschaften vereint.

Einer Betriebsgewerkschaft konnten bis vor Kurzem nur festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus einem Unternehmen beitreten, also keine Leiharbeiter, Senioren oder Studenten. Erst ab zehn Beschäftigten darf ein Unternehmen eine Gewerkschaft bilden. Das Problem: 96 Prozent aller polnischen Betriebe haben weniger als zehn Mitarbeiter. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist deshalb mit aktuell rund 16 Prozent sehr gering – faktisch haben die meisten Unternehmen keine Gewerkschaft im Haus.

Kein Recht auf Mitbestimmung und Mitsprache

Ein wesentlicher Unterschied zur deutschen Arbeitnehmervertretung: Betriebsgewerkschaften haben zwar Informations- und Beratungsrechte, aber weder ein Recht auf Mitbestimmung noch eine Mitsprache in wirtschaftlichen Angelegenheiten.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Betriebsräten, die es in Polen noch nicht so lange gibt. Die Gewerkschaften sehen die Betriebsräte oft als Konkurrenten. Der Grund: lange waren einzig und allein die Gewerkschaften gesetzlich befugt, die Interessen der Arbeitnehmer auf betrieblicher Ebene zu vertreten. In der Folge der Rechtsvorschriften zur Umsetzung der EU-Richtlinie (2002/14/EG), die die Einrichtung von Betriebsräten vorsehen, sind in einigen Unternehmen Betriebsräte eingesetzt worden. Ursprünglich konnten die Gewerkschaften die Auswahl der Betriebsratsmitglieder maßgeblich beeinflussen. Das wurde jedoch als verfassungswidrig erklärt.

Neue Regeln: Die gesamte Belegschaft wählt den BR

Die neuen Regeln schreiben vor, dass der Betriebsrat von der gesamten Belegschaft gewählt werden muss – das heißt, auch das Management hat Einfluss auf dieses Gremium. Erste Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass in nur 9 Prozent aller Unternehmen, die unter die Richtlinie fallen, auch tatsächlich ein Betriebsrat gegründet wurde. Insgesamt zeigte sich Karoline Mis optimistisch: „Es sieht so aus, als ob die polnischen Gewerkschaften langsam ihr transformatorisches Erbe hinter sich lassen.“ Es finde ein Rückzug von politischen Parteien sowie ein langsamer Generationenwechsel statt. Das Image der Gewerkschaften habe sich in den letzten Jahren wieder positiv entwickelt.

Die Arbeitgeber: Eher Lobbyverein als Tarifpartner

„Wie sehen nun die Sozialbeziehungen in Polen aus?“, wollten die Teilnehmer wissen. Auf Branchenebene können die Gewerkschaften in der Chemiebranche nur schwer einen Verhandlungspartner finden, weil die Arbeitgeberverbände selbst nur einen geringen Organisationsgrad von 20 Prozent haben. Die Arbeitgebervertretung in der chemischen Industrie betreibt wie in den anderen Branchen auch eher Lobbyarbeit. Tarifverträge werden überwiegend auf betrieblicher Ebene abgeschlossen. Ursache dafür ist die starke Dezentralisierung, die auch mit dem Wandel von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft in Polen einhergeht.

Zu den Tarifverträgen äußerte sich Rechtsanwalt Martin Neupert von der BNT Rechtsanwälte GbR Nürnberg/Warschau: „Da sich aus den meist veralteten Tarifverträgen kaum wesentliche Rechte und Pflichten ergeben – vielmehr wiederholen sie weitgehend nur gesetzliche Regelungen – hat in Polen die innerbetriebliche Arbeits- und Betriebsordnung sehr hohe Bedeutung.“ Wegen der geringen Organisationsdichte auf Arbeitgeberseite und der Zersplitterung auf Gewerkschaftsseite ist mit relevanten allgemeinverbindlichen Tarifverträgen auch in den kommenden Jahren nicht zu rechnen. Der Mangel an verbindlichen tarifvertraglichen Standards wird stattdessen eben durch detaillierte Arbeits- und Betriebsordnungen ersetzt.

Betriebsgewerkschaften wählen EBR-Delgierte

Wie verhält es sich mit den europäischen Betriebsräten? Die polnischen Delegierten für die Eurobetriebsräte (EBRs) werden von den betrieblichen Gewerkschaften gewählt. In Unternehmen ohne Gewerkschaft wählt die Belegschaft die EBR-Delegierten. Die Strukturen und Rollen auf der europäischen Ebene sind nicht so ausgeprägt wie in Deutschland, es gibt auch hier keine Mitbestimmung. Es kann vorkommen, dass zu den EBR-Sitzungen aus Polen jedes Mal andere Mitglieder geschickt werden. Das heißt, es gibt keinen regelmäßigen Kontakt, man kann keine Beziehungen aufbauen. Für eine bessere Zusammenarbeit gibt Dr. Magdalena Mazik-Gorzelanczyk, Leiterin der Stiftung für berufliche und interkulturelle Bildung FAVEO aus Breslau, den Tipp: „Das Land kennenzulernen ist ein wichtiger Aspekt der internationalen Kontakte. Wenn man ein Treffen im Ausland organisiert, ist es wichtig daran zu denken, dass die Gäste aus Polen gerne auch die Stadt kennenlernen. Ein gemeinsamer Stadtbesuch kann vermeiden, dass ein Teil der Gruppe dies für sich selbst organisiert, anstatt ihre Teilnahme an der Sitzung fortzusetzen.“ Viel wichtiger sei es aber, selbst an die polnischen Standorte vor Ort zu fahren und die polnische Gastfreundschaft kennenzulernen. Der direkte Kontakt sei für ein gutes gegenseitiges Verständnis von großer Bedeutung.

Es bräuchte in Polen mehr EBR-Schulungen

Was die Teilnehmer noch interessierte: Welche Möglichkeiten zur Qualifizierung gibt es für Gewerkschafts- bzw. Arbeitnehmervertreter? Hier erzählt Karoline Mis, die Solidarnosc sei sehr interessiert an EBRs. Die Gewerkschaft habe für ihre Mitglieder Tagungen zu den rechtlichen Rahmenbedingungen organisiert, sogar eine Datenbank eingerichtet. „Mittlerweile ist sie allerdings etwas ernüchtert, da ihr die Rechte von EBRs nicht weit genug gehen. Daher hat sie ihr Engagement etwas zurückgefahren“. Und Dr. Christian Matschke, Mitglied des Vorstands der Berlin-Chemie AG betont: „Es bräuchte in Polen mehr EBR-Schulungen über Deutschland, über interkulturelle Themen und über das Prinzip des Co-Managements der Betriebsräte.“

Polen haben eine andere Streitkultur“

„Wie kann ich die Zusammenarbeit mit meinen polnischen Kollegen verbessern?“, wollte Karl-Heinz Romann, Betriebsrat bei 3M aus Neuss, wissen. Das Technologie-Unternehmen beschäftigt 1.000 Mitarbeiter in Polen. Romann füllt zurzeit im 3M EEF (EBR gem. Art.13) die Funktion des Moderators aus und hat verschiedene Ansichten zwischen deutschen und polnischen Betriebsräten bzw. Gewerkschaftsmitgliedern bemerkt. Dazu gehört, dass sich Polen oft distanziert zeigen, eher abwarten und beobachten. Deutsche EBR Mitglieder sind dann manchmal irritiert und fragen sich, ob ihre polnischen Kollegen die Sache richtig verstanden haben, also alles richtig angekommen ist.

Auch haben Polen eine andere Streitkultur: Sind sie nicht einer Meinung, reagieren sie oftmals beleidigt und gehen, während Deutsche danach zusammen mit dem „Kontrahenten“ ein Bier trinken gehen. Das verstehen Polen nicht, sie fühlen sich dann „verraten“. Wichtig im Umgang mit Polen ist daher: Keine offene Kritik äußern, sondern eher „durch die Blume“ sprechen. Die sogenannte Sandwich-Taktik bietet sich hier an: Erst loben, dann ein Kritikpunkt und am Ende wieder Lob.

„Eine Reise nach Polen lohnt sich

Christian Matschke hat einige Jahre in Polen gelebt und gearbeitet. Außer den Do’s und Dont’s fasste er in seinem Erfahrungsbericht zusammen, wie man aus Arbeitgebersicht erfolgreich verhandelt: Man sollte ehrliches Interesse zeigen, um persönliches Vertrauen aufzubauen, und miteinander reden, trotz Sprachproblemen. Er empfiehlt allen: „Eine Reise nach Polen lohnt sich. Fahren Sie hin und lernen Sie Land und Leute kennen.“ Einig waren sich die Referenten: Das gute Beispiel der Sozialpartnerschaft, wie sie in Deutschland vor allem in der Chemiebranche gelebt wird, bewirke viel. Es zeige den polnischen Kollegen, dass man auch mit dem vermeintlichen „Feind“ gut und verlässlich zusammenarbeiten kann.

Weitere Tipps und Hintergrundinformationen finden Sie in unserer Seminardokumentation „Arbeitsbeziehungen in Polen“, in der Sie alle Referate noch einmal nachlesen können: download

Das 5. Länderseminar ist für 2016 geplant.
Ansprechpartnerin: Christine Kolodzyck.
Fon: 0611-970098-0.


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