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20.11.2018 13:32 Alter: 23 days

USA-Seminar: Mitbestimmung unbekannt

Am 18. Oktober trafen sich 13 Betriebsräte, Personalverantwortliche und Vertreter des Arbeitgeberverbands, um mehr über die Arbeitsbeziehungen in den USA und die Unterschiede zu Deutschland zu erfahren.



Arbeitsbeziehungen in den USA: Abschluss der Länderseminarreihe

Am 18. Oktober trafen sich 13 Betriebsräte, Personalverantwortliche und Vertreter des Arbeitgeberverbands, um mehr über die Arbeitsbeziehungen in den USA und die Unterschiede zu Deutschland zu erfahren.

Vorneweg: In den USA gibt es keine Betriebsräte im deutschen Sinne und nur sehr wenige Fälle von Unternehmensmitbestimmung. Nur ein geringer Anteil der Beschäftigten wird durch Gewerkschaften vertreten, hauptsächlich von Einheiten auf betrieblicher Ebene, den sogenannten „Local Unions“. Der Regelfall ist ein gewerkschaftsfreier Betrieb. Das erklärte Dr. Sigurt Vitols vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Der Senior Researcher ist in den USA geboren und kam als 29-Jähriger mit dem Mauerfall nach Deutschland, um für seine Doktorarbeit das deutsche System der Mitbestimmung kennenzulernen. Und er ist geblieben.
Nicht nur die Mitbestimmung ist in den USA eine andere, sondern auch die Beziehung zur Arbeit und zum Arbeitgeber. Aufgrund des „Employment-at-will“-Prinzips können die meisten Arbeitnehmer und auch Unternehmen jederzeit fristlos kündigen. Eine Folge ist, dass der amerikanische Arbeitsmarkt flexibler ist als der deutsche. Beschäftigte verbleiben im Durchschnitt vier Jahre bei einem Unternehmen und der nächste Karriereschritt ist oft nicht im gleichen Konzern, sondern in einem anderen Unternehmen und wegen der hohen Mobilität der US-Amerikaner sogar in einem anderen Bundesstaat.

Diana Bursy, ebenfalls gebürtige Amerikanerin, gab Einblicke in die Kultur der USA – und Anekdoten aus ihrer Kindheit dort preis. Mittlerweile führt sie seit 25 Jahren interkulturelle Trainings durch. Sie sagt, Amerika sei eine sehr komplexe, heterogene Gesellschaft. Zunächst spiele sich alles auf der Beziehungsebene ab, weshalb erst einmal alles als großartig und fantastisch betitelt wird. Die USA sind die individualistischste Kultur auf Erden und ethnozentrisch. Das heißt, sie sehen sich im Zentrum und den „Rest der Welt“ um sich herum. Extrovertiertheit wird als attraktiv gesehen. Auf dem Arbeitsmarkt zählen Noten und Abschlüsse nur bedingt. Jeder hat eine Chance, wenn er sich nur genug anstrengt und hart genug arbeitet. Sozialer Neid ist daher weniger verbreitet als in Deutschland, weshalb auch Feedback und Motivation als Führungsinstrumente besser machbar sind. In der Zusammenarbeit oder auch bei Verhandlungen mit US-Amerikanern empfiehlt Frau Bursy, das Wort „must“ (müssen) nicht zu verwenden. Amerikaner brauchen das Gefühl, die Wahl zu haben.

Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung im Ungleichgewicht

Von ihren Erfahrungen aus der Praxis berichteten Michael Petersen, Konzernbetriebsratsvorsitzender der Federal Mogul Motorparts Holding GmbH in Glinde bei Hamburg, und Rainer Rothfuß, Vice President Human Resources North America Region bei Evonik. Sie bestätigen: Betriebsräte nach dem deutschen System kennen Amerikaner nicht. Es herrscht Unverständnis darüber und eine fehlende Aufklärung, warum Mitbestimmung in Deutschland nicht nur von Betriebsräten und ihren Gewerkschaften, sondern auch in vielen Unternehmen für wichtig gehalten wird. Zudem ist die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung nicht ausgeglichen. Die „Local Unions" sind manchmal klein, ohne nennenswerte Ressourcen. Das führt schnell zu einer ungleichgewichtigen „Verhandlungssituation“, in der die mangelnde Möglichkeit, sich sachlich auseinanderzusetzen zu vorschneller Konfrontation führen kann. Im Umgang mit in den USA geprägten Führungskräften gilt es, dies alles zu berücksichtigen, um zu einer konstruktiven gemeinsamen Diskussion in Eurobetriebsratsgremien zu kommen.

Die Teilnehmenden bewerteten das Seminar sowie die Referentinnen und Referenten durchweg positiv und nehmen hilfreiche Tipps für sich mit, wie sie US-Führungskräften begegnen und die Besonderheiten und die Kultur des Landes beachten können.

Seminardokumentation und Länderbroschüre

Mit dem USA-Seminar schließen wir die Länderseminarreihe ab. Die ausführliche Seminardokumentation gibt es hier als PDF zum Download.
Die Broschüre über die vier Länderseminare zu den Arbeitsbeziehungen in Frankreich, Italien, Großbritannien und Polen können Sie ebenfalls als PDF herunterladen oder in gedruckter Form bestellen.


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