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09.11.2010 10:58 Alter: 9 yrs

"Sozialpartnerschaft ist ein Standortfaktor"

Dass der Reifenhersteller Michelin auch in Deutschland investiert, erklärt Cyrille Beau am Rande einer Arbeitstagung Ende Oktober zum Wittenberg-Prozess auch mit der gut funktionierenden Sozialpartnerschaft. Das volle Interview mit dem Chef der Produktionswerke in Bad Kreuznach und Trier.


Cyrille Beau ist seit Mai 2008 Direktor der Michelin Reifenwerke in Bad Kreuznach und Trier.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass der Reifenhersteller Michelin auch in Deutschland investiert, erklärt Cyrille Beau am Rande einer Arbeitstagung Ende Oktober zum Wittenberg-Prozess auch mit der gut funktionierenden Sozialpartnerschaft. Das volle Interview mit dem Chef der Produktionswerke in Bad Kreuznach und Trier.

Herr Beau, warum engagieren sich die Michelin Reifenwerke so stark in Sachen Wittenberg-Prozess?
Einmal, weil wir Unternehmenswerte vertreten, die sehr gut zum Wittenberg-Prozess passen. Zweitens, denken wir, wenn man nachhaltig unternehmerischen Erfolg haben will, muss man auch die Sozialpartnerschaft fördern. Unser Erfolg der vergangenen Jahre hängt auch mit dem sehr guten Miteinander der Sozialpartner zusammen.

Noch ist ja vieles im Fluss, es wird noch viel diskutiert. Welche konkreten Ergebnisse gibt es bei Ihnen?
Die deutsche Michelin Gesellschaft hat mit dem Gesamtbetriebsrat unter anderem einen Zukunftspakt zur Standortsicherung unserer Werke in Deutschland geschlossen. In Bad Kreuznach haben wir die Details der Umsetzung für unseren Standort gemeinsam mit dem Betriebsrat vereinbart. Damit haben wir eine Standortsicherheit bis wenigstens zum Jahr 2014 festgeschrieben. Dieser Schritt war sehr wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Unternehmens in Deutschland zu festigen.

Wittenberg mach viel zusätzliche Arbeit. Lohnt sich das Engagement?
Es lohnt sich auf jeden Fall. Würden wir nicht daran glauben, würden wir das nicht tun. Es gibt sehr viele Aspekte, über die wir sprechen müssen, wie etwa Vielfältigkeit oder Diversity, die demografische Entwicklung, eine gute Einbindung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Für mich ist das keine zusätzliche, sondern eine heute notwendige Arbeit, um gemeinsam mit dem Sozialpartner und unserer Belegschaft die Zukunft gestalten.

Als Franzose kennen Sie die unterschiedlichen Unternehmenskulturen in Frankreich und Deutschland. Wie bewerten Sie das Sozialpartnerschaftsmodell im Vergleich zu Frankreich?
Im Dialog kann man viele Sachen bereits im Vorfeld klären, bevor sie eskalieren und etwa in Streiks münden. Wo es keinen Dialog gibt, als auch kein Miteinander und kein Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen, läuft es oft so wie in Frankreich: Eine Sache wird politisiert, schaukelt sich hoch, es kommt zu Streiks. Und Streiks bedeuten Produktionsausfälle und in der Folge, dass man Kunden nicht oder nicht rechtzeitig beliefern kann. Alles in allem bestätigt sich auch bei uns, dass der Dialog zu besseren Ergebnissen führt als der Konflikt.

Wie reagieren Ihre Kollegen in Frankreich, wenn Sie auf Konzernsitzungen über das deutsche Modell der Sozialpartnerschaft sprechen?
Sie sehen es als zukunftsfähiges Modell. Nehmen wir das Beispiel der Investitionen: Michelin hat sich dafür entschieden, auch in Westeuropa zu investieren. Dass Deutschland dazugehört, ist nicht ganz selbstverständlich. Ein Grund ist die gut funktionierende Sozialpartnerschaft: Meine Kollegen sehen sie als einen Trumpf, der zu besseren Lösungen im Hinblick auf Flexibilität und Produktivität führt. Man kann es auch so sagen: Sozialpartnerschaft ist durchaus ein Standortfaktor.

Vielfältigkeit und Diversity sind ein großes Thema bei Michelin in Bad Kreuznach und Trier. Warum?
Wir verstehen dieses Thema in einem sehr breiten Kontext. Das heißt, wir sprechen bei Diversity nicht nur über verschiedene Kulturen, sondern auch über Unterschiede des Alters oder die Zusammenarbeit verschiedener Generationen, also von Jung und Alt. Wir beschäftigen in unserem Werk in Bad Kreuznach Menschen aus 27 verschiedenen Ländern. Wir beteiligen uns an der Initiative des rheinland-pfälzischen Familienministeriums "Vorsprung durch Vielfalt". Wir wollen den Anteil von Frauen in unserem Werk erhöhen, bei den Angestellten beträgt er derzeit 26 Prozent, im gewerblichen Bereich 4 Prozent. Das hat nichts mit der Quote zu tun, es ist für uns notwendig. Außerdem sind wir dabei, unsere Ausbildung zu verändern, also Weiterbildungsangebote besser auf das Lernverhalten älterer Mitarbeiter abzustimmen.

Fakten zu Michelin:

  • Beschäftigte (weltweit): über 110.000
  • Produktion (2009): rund 150 Millionen Reifen
  • Produktionsstätten: 72 Fabriken in 19 Ländern
  • Umsatz (2009): 14,8 Mrd. Euro
  • Marktanteil: 15,5 Prozent (hinter Bridgestone 16,2 und vor Goodyear 12,4 Prozent)
  • Mitarbeiter in Deutschland: 7850 (5 Fertigungsstandorte, Vertrieb, Verwaltung, Euromaster, Laurent Reifen GmbH)
  • 2 Werke in Rheinland-Pfalz: Bad Kreuznach (1.500 Beschäftigte), Trier (100)

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