< Vorheriger Artikel
09.11.2010 13:44 Alter: 9 yrs

"Im Grunde sind wir Interessenmanager"

Diversity oder die Vielfalt der Kulturen sowie ein höherer Frauenanteil sind heute eine Notwendigkeit, um den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen langfristig zu sichern. Davon ist Uwe Kumpa, Betriebsratsvorsitzender der Michelin Reifenwerke in Bad Kreuznach überzeugt. Das ganze Interview.


Uwe Kumpa ist gebürtiger Rheinland-Pfälzer, von Beruf Kunsstoffformgeber (Fachrichtung Kautschuk), seit 31 Jahren bei den Michelin-Reifenwerken in Bad Kreuznach beschäftigt, seit rund 20 Jahren im Betriebsrat und seit März 2010 Vorsitzender des Betriebsrats (freigestellt).


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herr Kumpa, Diversity oder menschliche Vielfalt ist bei den Michelin Reifenwerken ein großes Thema. Warum?
Michelin ist ein weltweit tätiges Unternehmen französischen Ursprungs. Schon deshalb ist es praktisch ein Multi-Kulti-Unternehmen. Vor allem in der Führungsebene kommt es häufiger vor, ins Ausland zu gehen. Außerdem bilden wir und auch andere Michelin Niederlassungen Nachwuchskräfte für den Einsatz im Ausland aus. Hier in Bad Kreuznach arbeiten Menschen aus 27 Nationen. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Ausländer, aber auch zwischen unseren ausländischen Kollegen ist heute unabdingbar. Vielfalt der Kulturen ist eine Notwendigkeit auch und gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.

Beim Thema Integration ist eigentlich nur von ihrem Scheitern die Rede. Wie soll man dann glauben, dass bei Michelin Menschen aus 27 Nationen erfolgreich zusammenarbeiten?
Zahlreiche Kollegen und Kolleginnen arbeiten schon seit Jahrzehnten hier, daher kennen sie sich inzwischen sehr gut. Um mal eine Zahl zu nennen: Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei 23,36 Jahren. Ich war 18, als ich hier anfing, und bin heute 49 Jahre alt. Mittlerweile arbeiten hier die Söhne und Enkel von vielen Kollegen, wir nennen sie die Michelin Kinder. Wir veranstalten alle drei bis vier Jahre Familienfeiern, zu denen die Mitarbeiter ihre Familie einladen. Außerdem gibt es Schicht- und Abteilungsfeste. Dabei nehmen die Kollegen auch Rücksicht auf kulturelle und religiöse Unterschiede, zum Beispiel beim Essensangebot. Wie überall gibt es natürlich auch Kollegen, die sich nicht leiden können, was aber nichts mit der Nationalität zu tun haben muss.

Was kann ein Betriebsrat zur Verständigung zwischen den vielfältigen Kulturen beitragen?
Wir leben es in gewisser Weise vor. In der Interessenvertretung sind Kollegen aus der Türkei, Russland, Italien, Portugal, Polen und natürlich auch Deutsche vertreten. Mein Stellvertreter zum Beispiel ist türkischer Abstammung. Multi-Kulti ist für uns Alltag. Wir sind Kollegen und Kolleginnen, keine Türken oder Russen. Sehr wichtig ist, dass der Betriebsrat und die Unternehmensführung deutlich machen, dass sie keine Fremdenfeindlichkeit im Werk dulden.

Hört die Integration am Werktor auf oder geht sie darüber hinaus und wenn ja wie?
Es gibt viele grenzüberschreitende Freundschaften und sogar Ehen, etwa zwischen Deutschen und Türken. Aber wir können nicht leugnen, dass es auch viele gibt, die nach der Arbeit lieber unter sich bleiben und sich in ihre jeweiligen Wohnviertel zurückziehen.

Auch der Altersdurchschnitt ist bei Michelin hoch. Was tun Sie in Sachen demografischer Wandel?
Im Durchschnitt sind die hier Beschäftigten 47 Jahre alt. Deswegen ist etwa Ergonomie sehr wichtig, wohlgemerkt schon bei den jungen Kollegen. Wir haben eine Ergonomietherapeutin im Haus, die einmal die Woche eine Rückenschule anbietet und zweimal die Woche durch die Produktion läuft und vor Ort den Kollegen zeigt, wie sie richtig heben und unnötige Belastungen vermeiden können. Außerdem berücksichtigt Michelin bei der Konstruktion neuer Produktionsmaschinen viel stärker als früher ergonomische Aspekte. Ein hauptamtlicher Ergonom analysiert im Werk die vorhandenen Arbeitsplätze und wird systematisch eingebunden, wenn neue Arbeitsplätze eingerichtet werden. Ergänzt wird das Ganze durch ein umfangreiches Gesundheitsmanagementprogramm.

Michelin will den Frauenanteil erhöhen?
Und zwar deutlich. Das hat nichts mit Quote zu tun, sondern ist wegen des demografischen Wandels eine Notwendigkeit, um den wirtschaftlichen Erfolg langfristig zu sichern. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen die Arbeitsplätze anpassen und auch die Sozialräume entsprechend umgestalten.

Fakten zur Belegschaft der Michelin-Reifenwerke in Bad-Kreuznach:

  • Durchschnittsalter: 47 Jahre
  • Durchschnittliche Betriebszugehörigkeit: 23,36 Jahre
  • 102 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen feiern in diesem Jahr 25 und 40 Jahre Betriebszugehörigkeit bei Michelin (47 sind seit 40 Jahren dabei, 55 seit 25 Jahren)

 

 


preloader preloader preloader preloader preloader preloader preloader preloader